Politik im Spinnennetz – was bleibt hängen?

Lange war Kritik an smartvote eine Seltenheit. Mit zunehmender Bedeutung der Plattform nimmt aber auch die Kritik daran zu. Oft ist der Schuldige schnell ausgemacht: der smartspider – Erkennungsmerkmal und Angriffspunkt von smartvote zugleich. Um die „Spinne“ herum kursieren viele Mythen und Missverständnisse. Höchste Zeit, mit diesen aufzuräumen:


1 SMARTSPIDER = 8 RATINGS

„Sie können bei jeder zugeordneten Frage anderer Meinung sein, aber den gleichen Wert erzielen.“ Der Satz stammt vom Autor dieses Beitrags und erschien kürzlich in einem „Weltwoche“-Artikel mit dem vielsagenden Titel “Grossmaschige Netze” (online nicht verfügbar, 15. September 2011).

Das Zitat ist inhaltlich korrekt: Der smartspider ist im Prinzip nichts anderes als 8 einzelne Ratings, die in einem Netzdiagramm zusammengefasst werden. Was vom „Weltwoche“-Autor aber unerwähnt blieb: Sobald man ein Rating über mehrere Fragen erstellt, nimmt man einen Informationsverlust in Kauf. Dies gilt für den smartspider genauso wie für jedes Gemeinde-, KMU- oder Zahnpasta-Rating. Das Gesamtbild sieht nur, wer in die Grunddaten blickt. Im Gegensatz zu anderen Ratings ist dies bei smartvote möglich.

SMARTSPIDER IST NICHT GLEICH WAHLEMPFEHLUNG

Häufiger Irrtum: smartspider ist gleich Wahlempfehlung. Stimmt nicht! Was hingegen stimmt: Wahlempfehlung und smartspider werden auf der Grundlage der Antworten auf den Fragebogen berechnet. Hier der entscheidende Unterschied:

  • In die Berechnung der Wahlempfehlung fliessen alle Antworten einzeln und ohne Wertung unsererseits ein. Sie ist das präzise Messinstrument für (sach-)politische Nähe. (1)
  • Für die Berechnung des smartspiders werden hingegen nicht alle Fragen berücksichtigt, da sich einzelne Fragen schlicht keiner der 8 thematischen Achsen zuordnen lassen (2). So kann es vorkommen, dass der smartspider des Viertplatzierten auf der Wahlempfehlung dem eigenen smartspider stärker gleicht als derjenige des Erstplatzierten. Dieser Umstand zeigt die Grenzen des smartspiders auf: Er zeigt zwar gut auf, wie jemand politisch grundsätzlich tickt, überdeckt aber gleichzeitig die Positionierung in konkreten Sachfragen.

KEINE EXAKTE WISSENSCHAFT, ABER TRANSPARENTE METHODE

Der smartspider ist keine exakte Wissenschaft – falls es denn diese überhaupt gibt. Zunächst basiert die Grafik auf einem Fragebogen, den wir zusammengestellt haben. Hinzu kommt die (subjektive) Zuordnung der einzelnen Fragen zu den Achsen des smartspiders durch smartvote selbst. Wie begegnen wir diesen Umständen?

  • Erstens sind wir offen für konstruktive Kritik und Anregungen und versuchen den Fragebogen sowie die Zuordnung der Fragen ständig zu optimieren. Die Qualität des Fragebogens wird denn auch kaum bemängelt.
  • Zweitens legen wir die Berechnungsmethoden transparent offen (3). Entgegen einigen Verlautbarungen in verschiedenen Medien ist dies bei smartvote seit 2003 der Fall. Auf der alten Website musste man zwar etwas suchen, bis man fündig wurde – aber es war kein aussichtsloses Unterfangen. Dies zeigt sich auch am Umstand, dass einige Kandidierende und Parteien das „Spidertuning“ schon lange betreiben.

ABSCHAFFEN ODER VERBESSERN?

Der smartspider ist also weniger präzis als die Wahlempfehlung. Probleme und Auseinandersetzungen mit Medien, Kandidierenden und Parteien sind die Folge – „Abschaffen“ wäre die logische Konsequenz.

Wenn da nicht die grosse Popularität dieser Grafik wäre:

  • 95% der Grafiken, die wir an Medien liefern, sind smartspider.
  • User wünschen sich am häufigsten, ihren eigenen smartspider anschauen, drucken und versenden zu können.
  • Andere Wahlhilfen kopieren die Darstellungsform.
  • Kandidaten und Parteien betreiben Wahlkampf mit ihrem smartspider.

Trotz allem scheint der smartspider doch „richtig“ und wichtig zu sein. Und er gehört zu smartvote einfach dazu. Wir werden also daran festhalten und ihn weiter zu verbessern versuchen. Lob und Kritik, wenn sie konstruktiv sind, schaffen die besten Voraussetzungen dafür.

(1) http://www.smartvote.ch/downloads/methodology_recommendation_de_CH.pdf
(2) http://www.smartvote.ch/downloads/elections/11_ch_nr/effects_smartspider_de_CH.pdf
(3) http://www.smartvote.ch/downloads/methodology_smartspider_de_CH.pdf

Ein Gedanke zu “Politik im Spinnennetz – was bleibt hängen?

  1. Guetä Abig,

    Vorab – super Arbeit – bitte also nicht abschaffen, höchstens verbessern.

    Mehrheitlich stütze ich die Auswirkungsfestlegungen, doch in einzelnen Fällen verstehe ich sie nicht. Neben der Hilfestellung, die smartvote bietet und ich in den letzten Wochen rege nutzte um mein Wahlbild zu verfeinern, beschliech mich aber immer das Gefühl, dass die Festlegung der Auswirkungen unser jetztiges Links-Rechts-Schema wiederspiegeln und nicht im smartvote neutralisiert wurde.

    Mir ist bewusst, wie oben erwähnt, es ist keine exakte Wissenschaft. Die Methode ist nachvollziehbar, doch bei manchem Punkten war mir nicht klar, warum eine Achse ausgewählt wurde und wieso die Auswirkung als positiv oder negativ angegeben ist. Eine zusätzliche Erläuterung bei Achse und Auswirkung, in der schon schönen Tabelle würde wahrscheinlich die Transparenz erhöhen, ob ich dann einverstanden bin ist ne andere Sache :-)

    Dazu vielleicht vier Beispiele, wie ich sie zumindest verstanden habe:

    Frage 59 Beitrittsverhandlung mit der EU hat eine positive Auswirkung auf eine offene Aussenpolitik. Warum? Jemand der die Notwendigkeit einer Zusammenarbeit mit der EU sieht, aber sich nicht dem politischen System anschliessen will, betreibt keine offene Aussenpolitik? Ein aktives Bemühen um eine Partnerschaft (mit oder Beitritt, Bilaterale, …) ist aus meiner Sicht offene Aussenpolitik. Die Frage sollte allgemeiner formuliert werden – klar, aus meiner Sicht.

    Warum ist bei Frage 29 eine Gleichstellung von Partnerschaften in einer liberalen Gesellschaft als Negativ bewertet? Eine unterschiedliche Behandlung wäre für mich negativ für eine liberale Gesellschaft.

    Eine Erhöhung des Rentenalters (1) wurde vermutlich unter ausgebauter Sozialstaat versorgt, da die SP sich stark dagegen ausspricht. Im Gegensatz zu Frage 3, die für mich nachvollziehbar in diese Kategorie gehört, teile ich die Zuteilung und Auswirkung auf einen ausgebauten (und ausgeglichenen Sozialstaat) nicht. Denn es könnte genau umgekehrt sein, dass eine erweiterte Beschäftigungsmöglichkeit und auch die Forderung danach eine Entlastung für die immer kleiner werdende Gruppe von Arbeitnehmer bildet – wer kann soll einen Beitrag an die Gemeinschaft leisten. Nun die SP wird von Ihrer Position nicht abrücken (Gesichtsverlust), womit bei bleibender Zuordnung im smartvote die Wahrnehmung verstärkt wird – eine Rentenalter-Erhöhung ist nicht sozial – egal ob dies stimmt. Ist heikel.

    Nr 8 könnte auch auf der Achse ausgebauter Sozialstaat stehen, oder restriktive Finanzpolitik.

    Ich wünsche weiterhin viel Erfolg und kühlen Kopf.

    Gruess, Reto Hergert.

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