Die Kehrseite des Erfolgs

Das smartvote-Projekt war 2011 so erfolgreich wie noch nie:

Anzahl Wahlempfehlungen für den Nationalrat am 22. Oktober 2011, um 19 Uhr.

Von der APG zur Zusammenarbeit angefragt, war die Webseite smartvote.ch für mehrere Wochen in der ganzen Schweiz auf Plakaten präsent. Insgesamt wurden für die nationalen Wahlen 1,2 Mio. Wahlempfehlungen ausgestellt. Dabei konnten sich die Wähler/innen mit rund 3000 Kandidierenden vergleichen. An einem Spitzentag wurden fast 40’000 Besucher/innen gezählt. Dank einer schweizweiten Abdeckung mit Medienpartnern war die Medienpräsenz durch Zeitungsartikel, Radiobeiträge und Fernsehauftritte enorm hoch.

 

“Blick am Abend” vom 20. Oktober 2011

Und im “Blick am Abend” fuhr smartvote 2-mal aufs Google-Podest.

 

 

Gängige Annahme: smartvote verdient sich damit eine goldene Nase.
Mitnichten: Was vor 10 Jahren als Freiwilligenprojekt begann, ist heute als Verein organisiert. Nur dank dem Engagement der Vereinsmitglieder und jährlich mehreren Tausend freiwilligen Arbeitsstunden existiert smartvote.

Doch nun hat das Projekt Ausmasse angenommen, die vom Verein alleine nicht mehr getragen werden können. Die Begleitung möglichst vieler Wahlen und die gleichzeitig hohen eigenen und öffentlichen Erwartungen an die Qualität von smartvote führen zu einem Arbeitsaufwand, der die Grenzen des vorhandenen Freiwilligenengagements sprengt. smartvote droht vom eigenen Erfolg gefressen zu werden.

Dieser Umstand trat kurz vor den nationalen Wahlen für User und smartvote-Mitarbeiter besonders deutlich und ärgerlich zutage: Wegen einer Serverüberlastung mussten Tausende von Usern vorübergehend auf ihre Wahlempfehlung verzichten. Die Infrastruktur des Vereins war diesem Ansturm nicht gewachsen.

smartvote ist ein Online-Tool, welches den Wähler/innen kostenlos zur Verfügung steht. Für viele User ist es selbstverständlich, dass eine Internetseite wie smartvote.ch als Dienstleistung bei jeder grösseren Wahl angeboten wird und reibungslos läuft. Wie viel Arbeit und Aufwand tatsächlich dahinterstecken, bleibt dabei oft verborgen.

WIE WEITER NACH DEN WAHLEN 2011?

In den letzten 2 Jahren hat smartvote sein System komplett überarbeitet. Mit einem Redesign konnte die Plattform programmiertechnisch auf eine solide Basis gestellt werden. Doch es brauchte wesentlich mehr finanzielle und personelle Ressourcen, als überhaupt vorhanden waren. Folge: Viel Geplantes war bei Aufschaltung der Wahl noch nicht bereit und konnte erst nach und nach online gehen, viel Gewünschtes harrt noch der Ausführung. Weitere vielversprechende Projekte des Vereins Politools (z.B. Parlamentsmonitoring, smartvote für Abstimmungen) müssen dabei immer wieder hintantstehen.

2012 wird smartvote mehrere kantonale und kommunale Wahlen begleiten. Für die Zeit danach ist alles offen. Für den Weiterbestand von smartvote wird entscheidend sein, ob es gelingen wird, das Projekt langfristig finanziell abzusichern.

UNTERSTÜTZEN SIE SMARTVOTE!

Wir wollen hier aber nicht nur jammern: Der Erfolg von smartvote ist für die Betreiber enorm positiv und motiviert weiterzumachen. Doch auf Dauer kann smartvote mit seinen semiprofessionellen Strukturen nur schwer weiterbestehen. Zu gross ist die Abhängigkeit vom Engagement einzelner Personen. Professionalisierung ist eine mögliche Stossrichtung, Rückbesinnung auf die Vereinswurzeln eine andere. Wohin die Reise führt, wird sich bald zeigen. In beiden Fällen sind wir auf Ihre Unterstützung angewiesen.

Darum: Dies ist ein ernstgemeinter Aufruf, das Projekt smartvote zu unterstützen. Besuchen Sie unsere Spendenseite! Wir danken Ihnen für Ihre wertvolle Unterstützung!

Eine Bieridee mit Folgen

10 JAHRE SMARTVOTE

smartvote ist auch nach bald zehnjährigem Bestehen die meistgenutzte Wahlhilfe für die Schweiz. Dies dürfte sich auch bei den diesjährigen Wahlen bestätigen.
Wie alles begann…

smartvote war eine Bieridee: Vor rund zehn Jahren diskutierten bei einem Feierabendbier vier Freunde darüber, welche Partei man wählen sollte. Sie waren alle politisch heimatlos und daher auch ratlos. So dachten sie sich, wie praktisch es wäre, wenn man sein eigenes politisches Profil auf einfache Art und Weise mit den Kandidierenden vergleichen könnte. Eine Skizze auf einer Serviette – und die Idee für smartvote war geboren.

Knapp zwei Jahre und unzählige Arbeits- und Programmierstunden später startete 2003 die erste smartvote-Version in die nationalen Wahlen.

So wurde 2003 für smartvote geworben

Zu Beginn wurde smartvote nicht ernst genommen. Politiker und Medien stellten Sinn und Zweck der Wahlhilfe infrage. Auch sonst hatte es die Wahlhilfe nicht leicht: smartvote war ein Feierabendprojekt engagierter Leute, die den Postversand an die Kandidierenden abends zu Hause erledigten. Von Hand klebten sie die Briefmarken im Hitzesommer 2003 auf mehrere Tausend Couverts.

Doch aus der Bieridee wurde Ernst – smartvote hatte Erfolg: Rund die Hälfte der Kandidierenden machten mit, und rund 250’000 Wahlempfehlungen wurden beim ersten Einsatz im Jahr 2003 ausgestellt.

Ursprünglich war ein einmaliger Einsatz geplant, doch das Projekt hatte Potenzial. So wurde 2004 der Verein Politools gegründet (www.politools.net). Seither wird smartvote von diesem betrieben und weiterentwickelt. Nach wie vor ist dabei Freiwilligenarbeit untentbehrlich – mehrere Tausend Arbeitsstunden leisten die Vereinsmitglieder jährlich.
Nicht zuletzt dank diesem grossen Engagement hat sich smartvote etabliert. Die Wahlhilfe gehört heute zum festen Inventar bei jeder grösseren Wahl. Steht der Service einmal nicht zur Verfügung, gehen jeweils zahlreiche enttäuschte Reaktionen aus der Wählerschaft ein.

Bei den Nationalrats- und Ständeratswahlen 2007 haben 85% der Kandidierenden den Fragebogen ausgefüllt, und rund 15% der Wähler/innen haben die Dienste von smartvote in Anspruch genommen. Dabei wurden rund eine Million Wahlempfehlungen ausgestellt.

So sah die smartvote-Seite 2007 bis 2011 aus

Für die nationalen Wahlen 2011 wurde smartvote erneuert. Die Seite präsentiert sich seit dem 4. Juli 2011 in einem neuen Kleid:

So präsentiert sich die neue smartvote-Seite seit dem 4. Juli 2011

Bis zu den Wahlen werden kontinuierlich zusätzliche Funktionen aufgeschaltet. Mehr als 2’500 Kandidierende haben den Fragebogen bereits ausgefüllt, und es werden täglich mehr. Vieles deutet darauf hin, dass es auch bei der Nutzung durch Wähler/innen einen weiteren Zuwachs geben wird: Bereits wurden über 220’000 Wahlempfehlungen ausgestellt – dies sind 20% mehr als zum gleichen Zeitpunkt vor vier Jahren.

Das Bedürfnis nach einer Online-Wahlhilfe ist offensichtlich vorhanden. Die Zukunft sieht für smartvote vielversprechend aus – doch gesichert ist sie nicht. Das Projekt hat eine kritische Grösse erreicht: Für ein Freiwilligenprojekt ist es zu gross und zu ressourcenintensiv geworden. Die entscheidende Frage für die kommenden Jahre wird sein, ob es gelingt, für smartvote eine tragfähige Finanzierung über Medien- und universitäre Partner sowie über Spenden und Stiftungen zu finden.