In ihrer Ausgabe vom 16. Oktober hat die NZZ am Sonntag smartvote erneut kritisiert. Unter dem Titel „Politologen kritisieren smartvote scharf“ suggeriert ein Artikel, dass smartvote unter Politikwissenschaftlern als Scharlatanerie betrachtet werde. smartvote stellt sich gerne der Kritik und weist selbst immer wieder auf die Grenzen der smartvote-Website hin (z.B. in unseren smartspider-Beitrag).
Auch der Erarbeitung des betreffenden Artikels der NZZ am Sonntag haben wir uns nicht verschlossen – was rückblickend naiv war, denn an eine faire Berichterstattung war wahrscheinlich gar nie gedacht worden.
Im Artikel findet sich eine ganze Reihe von krassen Fehlern, Halb- und Unwahrheiten, die wir gerne richtigstellen möchten:
ERFUNDENE KONFRONTATION
In einem Abschnitt beschreibt die Autorin, was diesen August an einer Konferenz in Reykjavik angeblich passiert sein soll: „An einem Politologie-Kongress in Reykjavik im August musste sich Smartvote-Mitbegründer Andreas Ladner saftige Kritik anhören. Der belgische Politikwissenschafter Stefaan Walgrave von der Universität Antwerpen griff ihn frontal an. Er bezeichnete Smartvote und Online-Wahlhilfen insgesamt als ,Scharlatanerie’.“
Diese Aussage ist schlichtweg falsch. Der Workshop in Reykjavik wurde von Andreas Ladner und Stefaan Walgrave gemeinsam organisiert. An einen Frontalangriff auf Andreas Ladner und smartvote können sich die Direktbetroffenen nicht erinnern. Vielmehr wurde mit Stefaan Walgrave im Anschluss an den Workshop intensiv über zukünftige gemeinsame Projekte und Publikationen zu Online-Wahlhilfen gesprochen. Wie die Autorin, die nicht in Reykjavik anwesend war, zu ihren Aussagen kommt, ist für diejenigen, die an dem Workshop teilgenommen haben, ein Rätsel.
ERFUNDENES GRÜNDUNGSMITGLIED
Die Richtigstellung, dass Andreas Ladner entgegen der Darstellung im NZZ am Sonntag-Artikel kein Gründungsmitglied von smartvote ist, mutet neben der abenteuerlichen Geschichte über eine angebliche Konfrontation wie ein Bagatelle an. Es ist aber bedeutsam, wenn am Schluss des Artikels vom „Vorhaben“ von Andreas Ladner gesprochen wird, smartvote mit e-Voting zu verbinden: Andreas Ladner äusserte diesen Denkanstoss einer solchen Entwicklung im e-Voting-Bereich als Projektleiter eines Forschungsprojektes am IDHEAP (Universität Lausanne), das sich mit der Benutzung von Online-Wahlhilfen befasst. Zudem gehört er zu einer Reihe von Wissenschaftlern, die smartvote im Laufe der Jahre beratend zur Seite gestanden sind. Freilich wird dieser Vorschlag vonseiten smartvote weder aktiv gefordert, noch ist er Teil irgendeiner Strategie.
SMARTVOTE UND MADAME SOLEIL
Weiter führt der NZZ am Sonntag-Artikel eine diesen Frühling veröffentlichte Studie von Walgrave an, in der smartvote explizit kritisiert und darauf verwiesen werde, dass man anstelle von Online-Wahlhilfen auch Madame Soleil fragen könne, wen man wählen wolle.
Tatsache ist: Die Studie wurde nicht diesen, sondern im Frühling 2009 veröffentlicht (1). Darin wird smartvote lediglich in einem einleitenden Abschnitt erwähnt, der auflistet, in welchen Ländern es Online-Wahlhilfen bereits gibt. Ansonsten konzentriert sie sich auf generelle Aussagen zu Online-Wahlhilfen anhand von Daten einer belgischen Website. Von einer expliziten Kritik an smartvote kann keine Rede sein.
Aussagen bezüglich „Scharlatanerie“ und „Madame Soleil“ kommen in der schliesslich veröffentlichten Studie gar nicht mehr vor. Sie waren nur Gegenstand einer ersten unbereinigten Version von 2008, auf die sich die NZZ am Sonntag stützt. Und nicht einmal in dieser ersten Version fielen die Ausdrücke im Zusammenhang mit smartvote. Es wurde in diesem Workingpaper nur generell darauf verwiesen, dass Online-Wahlhilfen mehr mit „Scharlatanerie“ (und „Madame Soleil“) als mit Politikwissenschaft zu tun hätten, wenn deren Betreiber die Fragebogen nicht sorgfältig zusammenstellten und regelmässig überprüften.
VIEL LOB FÜR SMARTVOTE
So weit zu den inhaltlich falschen Aussagen. Fast noch schlimmer ist das Unterschlagen von Aussagen von Politikwissenschaftlern und Studien, die smartvote partout nicht kritisieren und – man staune – sogar explizit loben. An der besagten Konferenz in Reykjavik wurde z.B. eine holländische Studie vorgestellt, die sich ebenfalls der methodischen Grundlagen von Online-Wahlhilfen angenommen hat. In dieser Studie wird smartvote ausdrücklich als positives Beispiel genannt. Die Studie wurde der Autorin des NZZ am Sonntag-Artikels von uns im Originaltext vorgängig zur Verfügung gestellt. Eingang in den Artikel hat sie nicht gefunden.
FAZIT
Eine kritische Betrachtung von Online-Wahlhilfen wie smartvote ist sinnvoll und notwendig. Damit die Kritik aber auch fruchtet, sollte sie nicht auf falschen Behauptungen sowie tendenziös verfassten und schlecht recherchierten Berichten beruhen.
(1) Walgrave, Stefaan, Nuytemans, Michiel and Pepermans, Koen (2009), ‘Voting Aid Applications and the Effect of Statement Selection’, West European Politics, 32: 6, 1161—1180.