Über Carmen Zurkinden

Carmen Zurkinden hat ihren Bachelor in Politikwissenschaften an der Universität Bern abgeschlossen und ist aktuell Studentin des Masters in Anthropologie des Transnationalismus und des Staates (ATS) und internationalem und europäischen Recht. Seit 2014 ist sie Mitarbeiterin bei der Online-Wahlhilfe smartvote.

Viele Köche verbessern den Brei: Wie der smartvote-Fragebogen entsteht

Der Fragebogen bildet das eigentliche Kernstück von smartvote. Nicht nur die bekannten smartspider- und smartmap-Visualisierungen, sondern auch die Wahlempfehlung an sich beruhen auf den Antworten zum smartvote-Fragebogen. Für die Qualität von smartvote ist der Fragebogen daher von herausragender Bedeutung.

In diesem Beitrag möchten wir in einer Art Werkstattbericht aufzeigen, wie der Fragebogen entsteht und welche Rezepte und Zutaten dabei Anwendung finden. Leider gibt es in den Sozialwissenschaften keinen Königsweg, keine magische Rezeptur für einen gelungenen Fragebogen. Anders als in der modernen Küche, wo der Reis niemals klebt und die Bratensauce keine Klümpchen bildet, besteht bei der Entwicklung eines Fragebogens stets das Risiko auf das eine oder andere faule Ei unter den ausgewählten Fragen.

Um einen ausgewogenen Fragebogen mit möglichst wenig faulen Eiern zu erhalten, helfen die folgenden Zutaten: eine grosse Portion sorgfältige Vorbereitung, ein Schuss Sachverstand, reichlich Erfahrung und auch eine Prise Glück. Eine Garantie für gutes Gelingen gibt es aber auch so nicht.

Der Entstehungsprozess eines smartvote-Fragebogens durchläuft sechs Phasen, die wir am Beispiel der National- und Ständeratswahlen aufzeigen möchten:

1. Sammlung von Ideen und Vorschlägen

Die Arbeiten beginnen rund ein Jahr vor den Wahlen mit dem Sammeln von Ideen und Vorschlägen. In dieser Phase wird der Fächer weit geöffnet: Grundsätzlich ist jedermann eingeladen, uns Vorschläge zukommen zu lassen. Dies gilt auch für Parteien, Interessengruppen und Verbände. Es gilt jedoch das eiserne Prinzip, dass niemand einen Anspruch auf die Berücksichtigung eines Vorschlages zugesprochen bekommt (und auch niemand ein Veto-Recht, um eine Frage zu verhindern). Regelmässig erhalten wir auch Fragen von engagierten Bürgerinnen und Bürgern.

Wichtig sind ferner die Medien, mit denen wir Partnerschaften eingehen und deren Journalisten ebenfalls Fragen und Themen vorschlagen. Und schliesslich ist auch das smartvote-Team nicht ganz untätig und sammelt intensiv eigene Ideen. Dabei werden Medienberichte durchforstet, aber auch Debatten, Abstimmungen und Vorstösse im Parlament liefern oft mögliche Fragen. Ebenfalls wichtig sind eingereichte oder sich im Sammlungsstadium befindliche Volksinitiativen sowie anstehende Gesetzgebungsvorlagen des Bundesrates.

Um den Einschluss der breiten Öffentlichkeit zu gewährleisten, arbeiten wir seit einigen Monaten mit dem Projekt easyvote zusammen mit dem Ziel, die Auswahl der Fragen stärker auf die Bedürfnisse von jungen Wähler/innen auszurichten. Zudem gehen auch unsere Medienpartner vermehrt dazu über, ihre Leser/innen aufzurufen, eigene Fragevorschläge als sogenannte „Bürgerfragen“ einzureichen.

Für die eidgnössischen Wahlen 2015 bestand bis Ende Januar die Möglichkeit Ideen und Vorschläge für den smartvote-Fragebogen direkt über eine Online-Umfrage einzureichen. Eine Möglichkeit von der rund 400 Benutzer/innen Gebrauch gemacht haben.

Am Ende dieser ersten Phase steht in der Regel eine Liste mit 150 bis 200 Fragen. Diese gilt es nun im weiteren Verlauf massiv zu kürzen.

2. Thematische Eingrenzung – eine erste Selektionsrunde

Der schmerzhafteste Teil der Arbeit besteht in der zweiten Phase, bei der es um die Selektion derjenigen Fragen geht, die in den Fragebogen aufgenommen werden. Bei nationalen Wahlen umfasst der smartvote-Fragebogen bis zu 75 Fragen. Obschon dies sehr viel ist, müssen mehr als die Hälfte der gesammelten Fragevorschläge aussortiert werden. Harte Kriterien, welche den Auswahlprozess verbindlich steuern würden, gibt es nicht. Seit ersten Fragebogenentwicklung im Jahr 2003 haben sich die folgenden Leitlinien herausgebildet und bewährt:

  • Bedeutung eines Themas für die aktuelle oder zukünftige Politik (z.B. Themen, welche die Regierung demnächst ins Parlament bringen wird oder Gegenstand einer hängigen Volksinitiative bilden)
  • Bedeutung eines Themas für die Bevölkerung (z.B. die Beurteilung anhand der Resultate des jährlich erhobenen Sorgenbarometers)
  • Eignung des Themas für die Erstellung aussagekräftiger politischer Profile wie z.B. die smartspider-Grafiken
  • Thematische Ausgewogenheit des Fragebogens (wichtige Themen sollen vertreten, aber kein Thema übervertreten sein)

Am Ende dieser Phase haben wir die Anzahl der Fragen schon deutlich reduziert. In der Regel ist der Fragebogen aber immer noch zu lang, so dass meist 10-20 Fragen in einer weiteren Selektionsrunde aussortiert werden müssen.

3. Festlegen der konkreten Formulierungen

Vor der Bestimmung der endgültigen Auswahl lassen wir das bisherige Ergebnis erst einmal etwas setzen und wenden uns den konkreten Fragenformulierungen zu. Dabei gilt es drei Anforderungen an die Formulierungen zu erfüllen: Der Text soll neutral, eindeutig und allgemeinverständlich formuliert sein.

Dabei geht es nicht nur um die Vermeidung von Suggestivfragen und politischen Wertungen. Wir verzichten soweit als möglich auch auf Fragen, welche voneinander unabhängige Themen in einer einzigen Frage vereinen (Ausnahme bilden dabei Volksinitiativen, die – was relativ häufig geschieht – mehrere Themen gleichzeitig ansprechen, wie z.B. jüngst bei der Ecopop- oder der Erbschaftssteuer-Initiative ). Zudem gilt es gerade bei komplexeren Sachfragen, welche wir im smartvote-Fragebogen ganz bewusst nicht scheuen, Formulierungen zu finden, die inhaltlich präzis aber dennoch in einfachen Worten verfasst sind.

4. Kurzer Pre-Test

Nun verfügen wir über einen sorgfältig ausforumulierten Fragebogen, der allerdings immer noch zu viele Fragen enthält. Um die auszusortierenden Fragen zu bestimmen und im Sinne einer Qualitätskontrolle wird der Fragebogen einem Pre-Test unterzogen. Er wird rund zwei Dutzend Personen vorgelegt, damit diese ihre persönliche Einschätzung bezüglich Auswahl und Formulierung der Fragen abgeben. Bei diesen Personen handelt es sich um Politikwissenschaftler, Lokalpolitiker/innen, Journalisten aber auch ganz normale Bürger/innen, die oft nicht besonders viel mit Politik am Hut haben. Diese Rückmeldungen dienen uns dazu, sachliche Fehler, unverständliche Formulierungen oder eine allfällige thematische Unausgewogenheit zu eliminieren und Hinweise darauf zu erhalten, welche der überschüssigen Fragen am ehesten gestrichen werden können.

Diese Phase wird rund sechs Monate vor den Wahlen mit der Zusammenstellung des definitiven Fragebogens abgeschlossen. Der Fragebogen wird dann kurz vor der Aufschaltung des Kandidatenportals von smartvote den Parteien zugestellt. Dies sehen wir einerseits als vertrauensbildende Massnahme. Andererseits können auf diesem Weg allerletzte Fehler in den Fragenformulierungen rechtzeitig entdeckt und korrigiert werden.

5. Verfassen der Erläuterungstexte

Jetzt – teilweise auch schon parallel zu den vorangehenden Phasen – beginnt die Arbeit an den Erläuterungstexten. Diese sollen für die smartvote-Nutzer/innen die Hintergründe der Fragestellung erhellen und mögliche Unklarheiten ausräumen. Selbstverständlich gelten auch für diese Texte dieselben Kriterien wie bei den Fragenformulierungen bezüglich politischer Neutralität oder der Verwendung einer möglichst einfachen Sprache.

6. Übersetzung in fünf Sprachen

Im letzten Arbeitsabschnitt folgt die Übersetzung des Fragebogens sowie der Erläuterungen. Bei eidgenössischen Wahlen wird smartvote in fünf Sprachen angeboten: Deutsch, Französisch, Italienisch, Rätoromanisch und Englisch.

Aus dieser Darstellung geht klar hervor: Der Weg zum fertigen smartvote-Fragebogen ist ein ziemlich langer. Er ist arbeitsintensiv, zeitraubend und daher auch kostspielig. Anlässlich der Wahlen 2011 nahm die Entwicklung des Fragebogens insgesamt mehr als 1’400 Arbeitsstunden in Anspruch und allein die Übersetzungen kosteten rund 30’000 CHF.

Doch die Arbeit zahlt sich aus. Dies sehen wir an den positiven Reaktionen der smartvote-Nutzer/innen (sowohl Wähler/innen als auch Kandidierende), von Medienpartnern sowie an der Anerkennung durch die Wissenschaft. Allerdings hat Qualität auch ihren Preis, den unsere Medienpartner und die Parteien zu zahlen bereit sein müssen. Bei der Zubereitung des smartvote-Fragebogens gilt zumindest eines nicht: dass viele Köche den Brei verderben würden.

Vieles neu macht der Mai

Diesen Mai ist der Nationalrat etwas in Bewegung geraten. Gleich fünf seiner Mitglieder sind zurückgetreten oder haben ihren Rücktritt angekündigt. Der Nationalrat wird einige seiner prominentesten Mitglieder verlieren. Nachrücken werden Thomas Matter (für Christoph Blocher, SVP), Rebecca Ruiz (für Josiane Aubert, SP), Hans-Peter Portmann (für Filippo Leutenegger, FDP), Ernst Schibli (für Hans Kaufmann, SVP) und Beat Walti (für Markus Hutter, FDP). Obschon die neuen Nationalrats-Mitglieder politisch keine unbeschriebenen Blätter sind, haben wir einen Vergleich ihrer politischen Positionen mit den Positionsbezügen ihrer Fraktion auf der Basis der smartspider-Grafiken erstellt.

Einzig für Ernst Schibli entfällt der Vergleich, da er 2011 den smartvote-Fragebogen nicht ausgefüllt hat.

Thomas Matter (SVP)

SVP-MatterThomas Matter dürfte das wirtschaftsliberale Profil der SVP-Fraktion schärfen. So ist zu erwarten, dass er bei Fragen zur Wirtschaftspolitik, zur Finanzanzpolitik und bei der Sozialpolitik einen klar wirtschaftsfreundlichen Kurs steuern wird. In diesen Bereichen positioniert er sich wirtschaftsliberaler als die SVP-Fraktion. Bei der Migrationspolitik oder bei Fragen zu Law & Order dürfte er hingegen kaum zu den Hardlinern gehören.

 

 

Rebecca Ruiz (SP)

SP-RuizRebecca Ruiz fügt sich politisch fast perfekt in die Positionsbezüge der SP-Fraktion ein. Mit Ausnahme der Achse zur Aussenpolitik lassen sich gar keine oder nur sehr kleine Unterschiede zwischen der Fraktion und ihr finden. Interessant ist jedoch die deutlich zurückhaltendere Position zur aussenpolitischen Öffnung.

 

 

 

Hans-Peter Portmann (FDP)

FDP-PortmannHans-Peter Portmann passt bezüglich der Wirschafts- und Finanzpolitik zur FDP-Fraktion wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Bei den übrigen Achsen ergeben sich z.T. etwas grössere Differenzen zur Fraktions-Position: Hans-Peter Portmann positioniert sich klar liberaler als die FDP-Fraktion in gesellschaftlichen Fragen. Angesichts seines ansonsten liberalen Profils ist es jedoch erstaunlich, dass er dennoch eine restriktivere Migrationspolitik und – trotz seines ausgeprägten Standpunktes für eine liberale Wirtschaftspolitik – auch stärker als seine Fraktion für einen ausgebauten Umweltschutz einsteht.

Beat Walti (FDP)

FDP-WaltiBeat Walti steht noch deutlicher als Hans-Peter Portmann für eine wirtschaftsnahe Politik. Dies zeigt sich deutlich bei seinen Positionen zur Wirtschaftspolitik, zur Finanz- und zur Sozialpolitik. In diesen Politikbereichen nimmt er eine noch liberalere Positionen ein als es die FDP-Fraktion sowieso schon tut. In den übrigen Bereichen ist er fast deckungsgleich mit der Fraktion positioniert.

Verblassender Fukushima-Effekt auch im Kanton Bern

Am 18. Mai wird im Kanton Bern über die Initiative „Mühleberg vom Netz“ abgestimmt. Der Initiativtext verlangt vom Kanton die sofortige Ausserbetriebnahme des AKW Mühleberg. Die Initiative kann durchaus als Testlauf für die nationale Atomausstiegsinitiative der Grünen, die zur Zeit beim Parlament hängig ist, angesehen werden. Wie stehen die Chancen, dass der Kanton Bern den Beginn einer AKW-freien Schweiz einläutet?

Bereits vor etwas über einem Jahr hatte smartvote Angaben bezüglich Befürwortung oder Ablehnung eines Atomausstiegs von über 11’000 Kandidierenden zwischen 2003 und 2013 ausgewertet (vgl. Schweiz am Sonntag). Diese Auswertung haben wir nun überarbeitet und mit Fokus auf den Kanton Bern ergänzt.

So wurden die Parteipositionen bestimmt

Anhand der smartvote-Daten der Wahlen 2003, 2007 und 2011 sowie der Berner Grossratswahlen 2010 und 2014 haben wir die Zustimmung bzw. Ablehnung der sieben grössten Parteien bezüglich Atomausstieg ermittelt (CVP, FDP, SVP, SP, Grüne, glp und BDP).

Den Kandidierenden standen bei smartvote jeweils die Antwortoptionen „Ja“, „Eher ja“, „Eher nein“ und „Nein“ offen. Die „Eher“-Antworten wurden jeweils zu den „Ja“- bzw. „Nein“-Antworten addiert. Die Parteiposition wurde anhand der prozentualen Antwortverteilung ermittelt.

Für diese Auswertungen wurden die Antworten von mehr als 10’000 Kandidierenden berücksichtigt. Auf Grund der hohen Antwortquoten – mit Ausnahme der Wahlen von 2003 mit 50% Beteiligung lag die Beteiligung der Kandidierenden jeweils bei 75-85% – konnte auf eine Gewichtung verzichtet werden. Die Datengrundlage ist somit verlässlich und die hohe Zahl an antwortenden Kandidierenden stellt zudem sicher, dass die Parteipositionen differenziert dargestellt werden können.

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 Befürwortung eines Atomausstiegs (2003-2014; Zustimmung in Prozent)

Befürwortung eines Atomausstiegs (2003-2014; Zustimmung in Prozent)

Deutlicher Fukushima-Effekt…

Aus der Abbildung 1 geht deutlich hervor, wie stark der Unfall von Fukushima (die vertikale, schwarze Linie) die Positionsbezüge der Parteien geprägt hat. Während SP, Grüne sowie die glp schon immer beinahe geschlossen einen Atomausstieg befürwortet haben, hat Fukushima bei der CVP und der BDP zu einem massiven Meinungsumschwung geführt. Und sogar die FDP-Kandidierenden haben – wenn auch nur äusserst knapp – 2011 einen Atomausstieg mehrheitlich befürwortet. Einzig bei der SVP hatte Fukushima nur geringe Auswirkungen zur Folge.

… mit bereits nachlassender Wirkung

Drei Jahre nach der Reaktorkatastrophe kommen Zweifel auf, ob sich die Befürwortung der meisten grossen Parteien eines Atomausstiegs auf eine nachhaltige Grundlage abstützen kann. Die Zahlen der Berner Grossratswahlen 2014 zeigen, dass die erhöhte Zustimmung im Vergleich zu 2010 zwar noch vorhanden – jedoch zu bröckeln beginnt. Das schnell eingetretene Nachlassen des Fukushima-Effektes konnte auch in anderen kantonalen Wahlen seit 2011 anhand smartvote-Daten festgestellt werden. Der Fukushima-Effekt scheint generell eine eher kurze Halbwertszeit aufzuweisen.

Können die Auswertungen einen Hinweis geben, ob die „Mühleberg vom Netz“- Initiative am 18. Mai angenommen wird? Ein Blick auf die Daten scheint nahe zu legen, dass die Chancen für die Initiative ziemlich gut stehen, wird doch ein Atomausstieg nur von den SVP-Kandidierenden eindeutig und von den FDP-Kandidierenden eher knapp abgelehnt. Multipliziert man die Zustimmungsraten aus den Berner Wahlen 2014 mit den Wähleranteilen der Parteien, erhielte man (inkl. der in der Grafik nicht abgebildeten EVP und EDU) eine rund 60%ige Zustimmung der Initiative. Da sich die smartvote-Frage nicht direkt auf das AKW Mühleberg bezieht, sondern auf einen nationalen Atomausstieg bis zum Jahr 2029, ist diese Rechnung allerdings zu einfach. Im Vergleich zur nationalen Initiative kommen im Kanton Bern zusätzliche Argumente ins Spiel: Vor allem das die BKW bereits beschlossen hat, das AKW Mühleberg per 2019 stillzulegen, sollte beachtet werden. Der Beschluss der BKW sowie das offensichtlich schnelle Abklingen des Fukushima-Effektes bei den Parteien lassen Zweifel aufkommen, ob die Initiative tatsächlich angenommen wird. Auch wurde die Initiative vom Grossrat am 18. November 2013 – d.h. relativ kurz vor den Wahlen – klar mit 47:94 Stimmen bei zwei Enthaltungen abgelehnt. Am 18. Mai entscheidet das Berner Stimmvolk wie lange das seit 1972 betriebene AKW noch am Netz bleibt.