Offen aber nicht sehr gewissenhaft: Das psychologische Profil der smartvote-User

Inwiefern bestimmt unser Charakter, ob wir abstimmen oder wählen gehen? Und wenn ja, welcher Partei geben wir unsere Stimme? Diesen und ähnlichen Fragen geht der Berner Politikwissenschaftler Markus Freitag in seinem neuesten Buch „Die Psyche des Politischen“ auf den Grund. Das Buch eignet sich als Lesestoff für die kommenden Feiertage (http://www.nzz-libro.ch/markus-freitag-psyche-des-politischen-charakter-politik-politikwissenschaft-unibe.html).

Freitag zeigt auf, dass Verhalten und Einstellungen von uns allen sich nicht allein durch äussere Umstände und unser soziales Umfeld erklären lässt. In der Psychologie existiert seit langem das Konzept der sogenannten „Big Five“ – fünf zentrale Charaktermerkmale, die unser Wesen und Handeln wesentlich prägen. Freitag wendet dieses psychologische Konzept nun im Bereich des Politischen an und erstellt auf der Basis von 14’000 Interviews ein psychologisches Profil der Schweizer Wählerinnen und Wähler.

Eine kurze Einführung zu den Big Five findet sich am Ende dieses Beitrags.

Die Big-Five der smartvote-User

So lassen sich die psychologischen Profile verschiedenster Bevölkerungsgruppen erstellen: für Wählerinnen und Wähler einer bestimmten Partei, aber auch für die Leserinnen und Leser der NZZ oder von 20 Minuten. Auf Seite 178 des Buches wird schliesslich auch das charakterliche Profil der typischen smartvote-Benutzerinnen und Benutzern gezeigt.

Die untenstehende Abbildung zeigt die Ausprägung der fünf Persönlichkeitsmerkmale der smartvote-Benutzerinnen und Benutzer. Dazu eine Lesehilfe: Punkte rechts der vertikalen Nulllinie stehen für einen positiven, Punkte auf der linken Seite für einen negativen Zusammenhang. Je näher die Punkte bei der vertikalen Linie liegen, umso schwächer fällt der Zusammenhang aus.

Aufpassen bei den Bezeichnungen der fünf Merkmale, welche z.T. etwas irreführend sein können, da sie in der Forschung im Vergleich zum alltäglichen Sprachgebrauch unterschiedlich verstanden werden. Die Begriffserklärungen ganz am Ende des Beitrags sollten diesbezüglich aber für Klarheit sorgen.

 

Zwei Merkmalsausprägungen fallen auf: Zum einen scheint es sich bei den smartvote-Benutzerinnen und Benutzern um offene Menschen zu handeln. Zum anderen scheinen sich nicht gerade gewissenhaft zu sein. Bei den übrigen Merkmalen lassen sich weniger starke bzw. eher indifferente Ausprägungen finden.

Inwiefern erkennen Sie sich in diesem Profil wieder? Wir hätten uns jedenfalls etwas pflichtbewusstere Benutzerinnen und Benutzer gewünscht.

 

Die Big-Five – ein kurze Begriffserklärung

Man begeht den Einstieg in sein Leben als Wählerin und Wähler keineswegs als unbeschriebenes Blatt. Mit dem Big-Five-Modell der Persönlichkeitspsychologie, einer Art Psycho-Test, lassen sich auch politisch-psychologische Profile der Wählerinnen und Wähler erstellen. Die Big Five zeigen die Ausprägung für fünf zentrale Dimensionen unserer Persönlichkeit auf: Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus / emotionale Instabilität.

Offenheit für Erfahrungen: Etwa 25% der Schweizerinnen und Schweizer sind offen für Erfahrungen. Sie sind kreativ, neugierig und künstlerisch. Durch ihre Wissensbegierde hinterfragen sie aber auch religiöse, politische und soziale Normen kritisch. Sie wohnen eher in urbanen Gebieten und bewegen sich gerne in den Social-Media-Kanälen. Offene Personen wählen eher Grüne oder Sozialdemokratische Parteien.

Gewissenhaftigkeit: Fast 50% der Studienteilnehmenden sind gewissenhafte Menschen. Sie sind pflichtbewusst, ordentlich, selbstdiszipliniert und leistungsorientiert. Für Gewissenhafte ist die politische Beteiligung eine Pflicht – kehren der Urne aber den Rücken zu, wenn die Zeit fehlt sich über Abstimmungsvorlagen zu informieren. Gewissenhafte wählen eher bürgerlich-konservative Parteien wie die CVP, BDP, SVP und teilweise auch FDP.

Extraversion: Sie sind sozial dominant, gesellig, aktiv und durchsetzungsfähig. Das entspricht etwa 17% der Schweizerinnen und Schweizer. Extrovertierte stehen gern auf einer Bühne oder im Mittelpunkt und sind aktiv in den sozialen Medien. Personen, die in der Westschweiz leben sind eher weniger extrovertiert als Deutschschweizerinnen und Deutschschweizer. Extrovertierte wählen eher Parteien mit liberal-konservative Wertehaltungen wie die SVP, BDP, FDP und GLP.

Verträglichkeit: Verträgliche Personen suchen Harmonie in ihren Beziehungen. Sie sind kompromissbereit, vertrauensvoll, altruistisch, gutherzig, hilfsbereit und tolerant. Etwa 33% der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Studie sind als verträglich einzustufen. Sie suchen keine Konfrontation und sind deshalb der Politik eher abgeneigt. Verträgliche, die dann den Weg zur Urne doch finden, wählen eher Parteien aus dem linken Lager, wie die Grünen oder die SP.

Neurotizismus / emotionale Instabilität: Sie sind nervös, ängstlich, unsicher und besorgt. Unter 4.5% der Schweizerinnen und Schweizer würden sich als neurotisch bezeichnen. Sie fürchten sich vor wirtschaftlicher Instabilität und wählen deshalb hauptsächlich die SP, die ihnen den sozialen Wohlstand sichern soll.