smartvote = wastevote?

Die smartvote-Wahlempfehlung misst die politische Übereinstimmung zwischen Wählern und Kandidierenden. Das ist Sinn und Zweck dieses Tools. Richtig ist, dass andere, „weiche“ Faktoren eine ebenso wichtige Rolle beim Wahlentscheid spielen: Wie kompetent wirkt ein/e Kandidierende/r? Wie gross ist die rhetorische Überzeugungskraft? Wie sieht er/sie aus? usw.

Auf solche Fragen kann smartvote keine Antworten geben, zu stark hängen sie vom Auge des Betrachters ab – allgemein akzeptierte, objektive Beurteilungskriterien existieren nicht.

Werfen wir dafür einen Blick auf eine wiederkehrende Forderung: smartvote solle die Wahlchancen der Kandidierenden und die Auswirkung von Listenverbindungen einbeziehen. Denn nur ein Bruchteil des gesamten Kandidatenfeldes kann sich reelle Chancen auf eine tatsächliche Wahl ausrechnen. Stimmen für aussichtslose Kandidierende sind aus dieser Sicht „verschwendet“. Aus smartvote würde wastevote.

Strategisch denkende Wähler/innen fragen sich darum: Wie hoch sind die Chancen von Kandidat/in X? Wer profitiert von meiner Stimme, wenn Kandidat/in X nicht gewählt wird? Und sollte mir smartvote bei der Beurteilung dieser Fragen nicht eine bessere Hilfestellung bieten?

  • smartvote könnte in Zukunft mehr Informationen zur zweiten Fragestellung bieten. Via Listenansicht kann bereits heute leicht herausgefunden werden, wer von einer „verschwendeten“ Stimme profitieren würde. smartvote könnte aber stärker auf Listenverbindungen (und somit potenzielle Nutzniesser fremder Listen) hinweisen. Doch: Das wären alles bloss vage Hinweise, nicht einmal Wahlsystem-Experten können im Voraus wirklich wissen, ob und wer am Ende tatsächlich profitiert.
  • Noch kniffliger ist die Frage nach dem Einbezug von Wahlchancen. Natürlich gibt es einige wichtige Hinweise: Bisherige, Kandidierende mit aufwendigem Wahlkampf und Mitglieder etablierter Parteien, sie alle haben sicher grössere Chancen als Newcomer und Nobodys. smartvote könnte also eine entsprechende Einschätzung vornehmen und Kandidierende und Parteien mit entsprechenden „Labels“ versehen.

Soll auf diese Weise auf fehlende Wahlchancen hingewiesen werden?

Der Haken: Verschwendete Stimmen gibt es auch bei Kandidierenden und Parteien mit hohen Wahlchancen. Selbst wenn sie tatsächlich gewählt werden. Denn jede Stimme, welche über die blosse Sitzsicherung hinausgeht (und indirekt keinem anderen von mir ebenfalls favorisierten Kandidierenden entscheidend zur Sitzsicherung verhilft), ist „unnötig“ und hätte mir vielleicht anderswo mehr „Nutzen“ gebracht. Nach dieser Logik kann ich mir allerdings den Gang zur Wahlurne sparen, denn meine Stimme wird mit höchster Wahrscheinlichkeit sowieso nicht diejenige sein, welche über Wahl oder Nichtwahl von Kandidierenden entscheidet.

Fazit: Wählen ist weitaus mehr als Stimmenoptimierung und kühles Abwägen von Wahlchancen. Gerade in Proporzwahlen geht es auch um den Ausdruck eines (ehrlichen) Repräsentationswunsches. Dies zu fördern entspricht der Kernidee von smartvote. Würde smartvote beginnen, im Voraus die Wahlchancen von Kandidierenden und Parteien zu beurteilen, würden wir bloss die ohnehin privilegierte Position der politischen „Haves“ gegenüber den „Have-nots“ zementieren. Dies überlassen wir aber gerne der Wählerschaft.

Mediale smartvote-Kritik: Gehaltvoll ist anders…

Der smartvote-Erfolg ruft Kritiker auf den Plan. smartvote hat die offene Diskussion nie gescheut, sondern will sie im Gegenteil fördern: Über verschiedenste Kanäle (Facebook, Blogs, E-Mail und Telefon) erhielt und erhält smartvote ständig Verbesserungshinweise von Usern, die intern diskutiert und oft auch umgesetzt werden. In den letzten Wochen und Monaten häufte sich nun die in den Medien veröffentlichte Kritik. Diese nimmt der Blog-Beitrag unter die Lupe.

Medial verbreitete smartvote-Kritik lässt sich unter drei Punkten zusammenfassen:

  1. Mangelnde Transparenz.
  2. Politiker lassen sich nicht „vermessen“.
  3. Die smartspider-Grafiken geben ein falsches Bild wieder.

Werfen wir einen genaueren Blick darauf:

MANGELNDE TRANSPARENZ?

Seit der ersten Anwendung 2003 gewährt smartvote absolute Transparenz sowohl in Bezug auf die methodische Basis als auch hinsichtlich der eigenen Finanzierung.
Alles auffindbar auf der smartvote-Webseite. Wenn man sich nur die „Mühe“ machen würde, diese zu konsultieren. Zudem geben wir immer bereitwillig Auskunft. Leider funktioniert aber so manche/r Journalist/in anders. Diese reagieren häufig auf Behauptungen, die ihnen von dritter Seite (Parteisekretariate, Kandidierende) zugetragen werden, und bringen die Story selbst dann, wenn sich der „Anfangsverdacht“ nicht erhärten liess. (1)

Das Ziel der Parteien und ihrer Exponenten:

  1. Publizität.
  2. Der Wähler soll an der Glaubwürdigkeit von smartvote zu zweifeln beginnen und den Wahlplakaten und Medienauftritten der Parteien wieder mehr Vertrauen schenken.

VERMESSENE POLITIKER?

smartvote will die politischen Einstellungen und Werthaltungen der Kandidierenden vergleichbar machen – denn das Angebot an Parteien und Kandidierenden ist in vielen Wahlkreisen unübersichtlich. Dieser Vergleich muss parteiunabhängig, systematisch und politisch fair zustande kommen. Dazu ist ein standardisierter Fragebogen mit möglichst präzis formulierten Fragen notwendig.
Dagegen melden vor allem Mitte-Politiker immer wieder Vorbehalte an, da sie sich um ihre Differenzierungsfähigkeit und um ihre Rolle als Konsensbildner gebracht sehen. Anstatt an ihrer wirklichen Leistung gemessen, würden sie nur noch vermessen. (2)

Richtig ist:

  • Eine starke politische Mitte stabilisiert das System.
  • Das Ausfüllen von politischen Fragebogen kann unangenehm sein.

Falsch ist:

  • Dass smartvote kompromisslose Politiker/innen und Parteien bevorzugen würde.

Einerseits können die Kandidierenden bei jeder Frage auch eine „Eher“-Antwort angeben. Dies ist kein Nachteil, denn smartvote-User machen dies schliesslich auch sehr oft. Ebenso können die Kandidierenden ihre eigene Antwort bei jeder Frage ausführlich kommentieren und sich so politisch „absichern“.

Andererseits zeigt sich regelmässig, dass die „Vermessung“ à la smartvote ziemlich genau mit der Selbstdarstellung und der Eigenwahrnehmung der verschiedenen Mitte-Parteien übereinstimmt. Preist sich die breite politische Mitte nicht (zu Recht) immer wieder als politische Kraft an, welche Extrempositionen verabscheut und für ausgewogene, mehrheitsfähige Lösungen einsteht? Genau das stellen doch die typischen Mitte-smartspider grafisch dar! Wenn sich Mitte-Politiker also lauthals über ihr smartvote-Profil beschweren, dann heisst dies, dass sie nicht sein wollen, was sie sind – oder nicht sind, was sie sein wollen.

 

 

 

Bunte Variation an Mitte-Profilen (FDP, BDP und CVP): Wie sonst wäre die scharfe Abgrenzung von den „Extremparteien“ darzustellen?

FALSCHE SMARTSPIDER?

Je mehr Wahlen smartvote begleitet, desto häufiger wird eine neue Kritik geäussert: Die smartspider seien falsch, weil sie sich von Wahl zu Wahl verändern können. (3)
Was dabei nie erwähnt wird: Wir haben konstant vor einem smartspider-Direktvergleich aus unterschiedlichen Wahlen gewarnt und noch nie einen entsprechenden Abdruck in den Medien autorisiert. Weil den Grafiken unterschiedliche Fragebogen zugrunde liegen, ist nur ein Vergleich innerhalb derselben Wahl methodisch statthaft.

Wir waren etwas naiv zu glauben, dass dies die recherchierende Zunft interessiert. Stattdessen werden entgegen unserer ausdrücklichen Anweisung smartspider aus unterschiedlichen Wahlen gegenübergestellt und so Zweifel an der Glaubwürdigkeit von smartvote gesät. (Mehr zur smartspider-Kritik findet ihr im Blog-Beitrag „Politik im Spinnennetz – was bleibt hängen?“ http://blog.smartvote.ch/?p=169)

Fazit: Ehrliche, konstruktive Kritik sucht die Öffentlichkeit nicht. Auf Kritik, welche man in den Publikumsmedien zu lesen bekommt, trifft hingegen oft Folgendes zu:

  1. Schludrig recherchiert.
  2. Wider besseres Wissen publiziert.
  3. Durch (partei-)strategische Hintergedanken kontaminiert.

(1) z.B. NZZ am Sonntag, 21.11.2010.
(2) z.B. http://politblog.tagesanzeiger.ch/blog/index.php/4150/im-netz-der-spinne/?lang=de
(3) z.B. NZZ am Sonntag, 6.2./20.2.2011; Weltwoche Nr. 37/2011

 

 

Politik im Spinnennetz – was bleibt hängen?

Lange war Kritik an smartvote eine Seltenheit. Mit zunehmender Bedeutung der Plattform nimmt aber auch die Kritik daran zu. Oft ist der Schuldige schnell ausgemacht: der smartspider – Erkennungsmerkmal und Angriffspunkt von smartvote zugleich. Um die „Spinne“ herum kursieren viele Mythen und Missverständnisse. Höchste Zeit, mit diesen aufzuräumen:


1 SMARTSPIDER = 8 RATINGS

„Sie können bei jeder zugeordneten Frage anderer Meinung sein, aber den gleichen Wert erzielen.“ Der Satz stammt vom Autor dieses Beitrags und erschien kürzlich in einem „Weltwoche“-Artikel mit dem vielsagenden Titel „Grossmaschige Netze“ (online nicht verfügbar, 15. September 2011).

Das Zitat ist inhaltlich korrekt: Der smartspider ist im Prinzip nichts anderes als 8 einzelne Ratings, die in einem Netzdiagramm zusammengefasst werden. Was vom „Weltwoche“-Autor aber unerwähnt blieb: Sobald man ein Rating über mehrere Fragen erstellt, nimmt man einen Informationsverlust in Kauf. Dies gilt für den smartspider genauso wie für jedes Gemeinde-, KMU- oder Zahnpasta-Rating. Das Gesamtbild sieht nur, wer in die Grunddaten blickt. Im Gegensatz zu anderen Ratings ist dies bei smartvote möglich.

SMARTSPIDER IST NICHT GLEICH WAHLEMPFEHLUNG

Häufiger Irrtum: smartspider ist gleich Wahlempfehlung. Stimmt nicht! Was hingegen stimmt: Wahlempfehlung und smartspider werden auf der Grundlage der Antworten auf den Fragebogen berechnet. Hier der entscheidende Unterschied:

  • In die Berechnung der Wahlempfehlung fliessen alle Antworten einzeln und ohne Wertung unsererseits ein. Sie ist das präzise Messinstrument für (sach-)politische Nähe. (1)
  • Für die Berechnung des smartspiders werden hingegen nicht alle Fragen berücksichtigt, da sich einzelne Fragen schlicht keiner der 8 thematischen Achsen zuordnen lassen (2). So kann es vorkommen, dass der smartspider des Viertplatzierten auf der Wahlempfehlung dem eigenen smartspider stärker gleicht als derjenige des Erstplatzierten. Dieser Umstand zeigt die Grenzen des smartspiders auf: Er zeigt zwar gut auf, wie jemand politisch grundsätzlich tickt, überdeckt aber gleichzeitig die Positionierung in konkreten Sachfragen.

KEINE EXAKTE WISSENSCHAFT, ABER TRANSPARENTE METHODE

Der smartspider ist keine exakte Wissenschaft – falls es denn diese überhaupt gibt. Zunächst basiert die Grafik auf einem Fragebogen, den wir zusammengestellt haben. Hinzu kommt die (subjektive) Zuordnung der einzelnen Fragen zu den Achsen des smartspiders durch smartvote selbst. Wie begegnen wir diesen Umständen?

  • Erstens sind wir offen für konstruktive Kritik und Anregungen und versuchen den Fragebogen sowie die Zuordnung der Fragen ständig zu optimieren. Die Qualität des Fragebogens wird denn auch kaum bemängelt.
  • Zweitens legen wir die Berechnungsmethoden transparent offen (3). Entgegen einigen Verlautbarungen in verschiedenen Medien ist dies bei smartvote seit 2003 der Fall. Auf der alten Website musste man zwar etwas suchen, bis man fündig wurde – aber es war kein aussichtsloses Unterfangen. Dies zeigt sich auch am Umstand, dass einige Kandidierende und Parteien das „Spidertuning“ schon lange betreiben.

ABSCHAFFEN ODER VERBESSERN?

Der smartspider ist also weniger präzis als die Wahlempfehlung. Probleme und Auseinandersetzungen mit Medien, Kandidierenden und Parteien sind die Folge – „Abschaffen“ wäre die logische Konsequenz.

Wenn da nicht die grosse Popularität dieser Grafik wäre:

  • 95% der Grafiken, die wir an Medien liefern, sind smartspider.
  • User wünschen sich am häufigsten, ihren eigenen smartspider anschauen, drucken und versenden zu können.
  • Andere Wahlhilfen kopieren die Darstellungsform.
  • Kandidaten und Parteien betreiben Wahlkampf mit ihrem smartspider.

Trotz allem scheint der smartspider doch „richtig“ und wichtig zu sein. Und er gehört zu smartvote einfach dazu. Wir werden also daran festhalten und ihn weiter zu verbessern versuchen. Lob und Kritik, wenn sie konstruktiv sind, schaffen die besten Voraussetzungen dafür.

(1) http://www.smartvote.ch/downloads/methodology_recommendation_de_CH.pdf
(2) http://www.smartvote.ch/downloads/elections/11_ch_nr/effects_smartspider_de_CH.pdf
(3) http://www.smartvote.ch/downloads/methodology_smartspider_de_CH.pdf