12 Jahre smartvote: Teil 4

Besser spät als nie: Mit diesem Beitrag über die smartvote-Entwicklung der Jahre 2008-2014 schliessen wir rechtzeitig vor den kommenden nationalen Wahlen die vierteilige Blog-Serie zur Geschichte von smartvote ab (siehe Teil 1, Teil 2 und Teil 3).

„Business as usual“

2008:

  • Alles in allem ein eher ereignisloses Jahr. Aber es verläuft plangemäss. smartvote wird immer öfter bei kantonalen und städtischen Wahlen angeboten. Die Medien und die Parteien „gewöhnen“ sich zunehmend an uns.

2009:

  • Als Teil der Online-Wahlhilfe „EU Profiler“, welche unter Führung des EUI in Florenz angeboten wird, ist smartvote sogar bei den EU-Wahlen 2009 dabei.
  • smartvote geht mit dem IDHEAP der Universität Lausanne eine mehrjährige Partnerschaft ein (bis 2013). Das starke finanzielle Engagement des IDHEAP trägt massgeblich zur Weiterentwicklung und zur wissenschaftlichen Erforschung von smartvote bei. An dieser Stelle nochmals ein grosses Danke nach Lausanne und an Andreas Ladner: Ohne diese Unterstützung würde smartvote heute möglicherweise nicht mehr existieren.

Kampf, Chrampf & etwas Krise

2010:

  • Beginn mit den Arbeiten an smartvote 6.0. Für die Version der Wahlen 2011 haben wir uns viel vorgenommen: Eine völlig neue Systemarchitektur und zahlreiche neue Funktionen für die Benutzer-/innen. Doch am Ende müssen wir froh sein, dass wir 2011 überhaupt eine funktionierende Website haben.
  • Das Re-Design von smartvote wird zu unserem „Insieme“: Zu hoch gesteckte Ziele, Planungs- und Führungsfehler und enorme Informatikkosten. Die Gesamtkosten laufen aus dem Ruder, der Zeitplan wird nicht eingehalten und am Ende werden kaum neue Funktionen implementiert.
  • Fazit: smartvote 6.0 wird erst 2012 abgeschlossen und hat die finanziellen Reserven des Vereins fast vollständig aufgebraucht (die Kosten beliefen sich auf mehr als 450’000 CHF).

2011:

  • Die National- und Ständeratswahlen laufen vordergründig gut, was dem unermüdlichen Einsatz aller Mitarbeitenden zu verdanken ist: 85% der Kandidierenden haben mitgemacht und in mehr als 300 Medienberichten werden unsere Daten und Analysen verwendet.
  • Die Server erreichen mehrmals ihre Leistungsgrenzen: Mehr als 1,2 Millionen Wahlempfehlungen werden ausgestellt. Das bedeutet, dass rund 15-18% der Wähler/innen smartvote benutzt haben!
  • Auch das Projektteam kommt an seine Belastungsgrenzen: Insgesamt werden 14’000 Arbeitsstunden geleistet, rund 6’000 davon als unbezahlte Vereinsarbeit.
  • Das Verhältnis zu Ueli Maurer hat sich entspannt. Nachdem er 2003 smartvote noch als „Mist“ bezeichnet und 2007 wohl eher wiederwillig mitgemacht hat, muss er sich nun nicht mehr mit smartvote herumschlagen: Er ist inzwischen Bundesrat.

2012:

  • 2012 herrscht Katerstimmung: Die Finanzen sind auf Grund der überbordenden Informatikkosten der Vorjahre knapp und die übermässige Arbeitsbelastung der vorangegangenen Jahre schlägt sich im Arbeitsklima nieder. Es machen sich Abnützungserscheinungen bei langjährigen Teammitgliedern bemerkbar: Über Jahre bis zu 50% der Arbeitszeit in unbezahlter Form zu leisten, ist kein nachhaltiges Modell.
  • Es kommt zu einer seltsamen Situation: Bei den Wähler-/innen, den Parteien und Medien steht smartvote so gut da wie nie zuvor, aber mit Blick auf die Finanzen und die interne Organisation hängt die Weiterführung des Projektes in der Schwebe.

Eine Art Neustart

2013/2014:

  • Es gelingt eine erfolgreiche Reorganisation des Projektes (ganz ohne externe Berater!): das Projektteam wird deutlich verkleinert, die unbezahlte Arbeit (auf ca. 20-30%) zurückgefahren und gleichmässiger verteilt. Auch in der sonstigen Projektorganisation werden viele kleine Dinge angegangen.
  • Nach den eher aufreibenden Jahren haben wir die Gelegenheit am Schopf gepackt, die finanziellen Unwägbarkeiten der IT für den Verein zu reduzieren. Konkret verfügt smartvote seit Ende 2012 nur noch über einen im Teilzeitpensum angestellten Informatiker, welcher für Unterhalt und kleinere Entwicklungsarbeiten zuständig ist. Grössere Entwicklungen werden seit 2013 konsequent an unseren neuen Software Engineering-Partner „soom-it“ ausgelagert.
  • Der Neustart bringt rasch erste Erfolge: Das Arbeitsklima bessert sich spürbar; im verkleinerten Team lassen sich die Arbeiten einfacher und effizienter erledigen. Kurz: Die Arbeit macht wieder Freude!
  • smartvote wird in den sozialen Medien aktiver: Der Blog und die Facebook-Seite werden öfter gefüttert und endlich sind wir auch bei Twitter präsent:
  • Alle diese Massnahmen, welche übrigens ohne Entlassungen oder dergleichen umgesetzt werden konnten, schufen beste Voraussetzungen, um ab Ende 2013 die Planung des aktuellen „Super-Wahljahrs 2015“ motiviert und damit auch erfolgsversprechend anzugehen. Dazu gehörte auch der Wiederaufbau eines Teams für die Romandie und das Tessin, um die smartvote-Dienstleistungen in allen Sprachregionen der Schweiz gleichwertig anbieten zu können.

10 Jahre smartvote: Teil 3

SMARTVOTE WÄCHST WEITER:

2005:

  • smartvote wird bei immer mehr kantonalen und lokalen Wahlen in allen Landesteilen angeboten. Dazu werden jeweils Praktikant/innen angeheuert. Die Fussballtrainings der Uni Bern erweisen sich hierbei als hervorragender Rekrutierungspool.
  • Den Praktikant/innen gefällt’s bei uns, und viele bleiben nach dem Praktikum im Verein und arbeiten gratis weiter. Dadurch wächst der Verein im Laufe der Jahre auf rund 40 Mitglieder an.
  • Im Herbst 2005 wird smartvote auch zu einem Forschungsprojekt! Das NCCR Democracy startet ein Projekt an den Universitäten Zürich, Lausanne und Bern, um die Benutzung von smartvote zu erforschen.

2006:

  • Im Hinblick auf die nationalen Wahlen 2007 beginnen die Arbeiten an smartvote 5.0. Es wird ein komplettes Redesign der Seite umgesetzt. Die IT liegt dabei fest in den Händen von Frauen: Wir haben fast alle verfügbaren Informatikerinnen der Uni Bern angestellt: Stefani, Lea und Brigitte.

2007:

  • Dieses Jahr steht ganz im Fokus der Nationalrats- und Ständeratswahlen. Ein Höhepunkt des Jahres: Praktikant Simon Bart ruft bei der Grünen Partei an, um das Angebot vorzustellen, und meldet sich mit: „Grüezi, da isch Smart vo Bartvote…“ Gelächter am anderen Ende der Leitung.
  • Bilanz der Wahlen: 84 % der Kandidierenden haben mitgemacht, 963’000 Wahlempfehlungen wurden ausgestellt.
  • Hatte sich Ueli Maurers Einschätzung zu smartvote seit 2003 verändert? Das wissen wir nicht, ABER mitgemacht hat er allemal:
smartspider von Ueli Maurer (2007)

smartspider von Ueli Maurer (2007)

10 Jahre smartvote: Teil 2

2003 – DAS JAHR 0 DER SMARTVOTE-ZEITRECHNUNG

  • smartvote 3.0 wird in Zusammenarbeit mit MySign veröffentlicht. Auch verfestigt sich smartvote langsam, aber sicher auch institutionell: Wir verfügen nun über ein Postfach! Nach wie vor arbeiten aber die smartvot’ler von zu Hause aus.
  • Der grosse Moment ist da: Für die Nationalrats- und Ständeratswahlen 2003 geht smartvote zum ersten Mal online! Bilanz: 50% der Kandidierenden machen mit, 255’000 Wahlempfehlungen werden ausgestellt.
  • „So ein Mist…“. So äussert sich der damalige SVP-Präsident Ueli Maurer öffentlich über smartvote. Damit müssen wir leben.

2004 – SMARTVOTE 4.0 ENTSTEHT INNNERHALB VON ZWEI MONATEN

  • Wir entschliessen uns dazu, smartvote weiterzuführen! Hierzu gründen wir den nicht gewinnorientierten Verein Politools als Trägerverein.
  • smartvote 4.0 wird realisiert: Nun mit der smartmap und zahlreichen weiteren Änderungen. Programmiert wird sie von Serge, der zwischen zwei Jobs steht, innerhalb von nur 2 Monaten: In dieser Zeit verlässt Serge die Wohnung kaum noch, lebt vom Pizza-Service, und manchmal wird das Pyjama erst gar nicht ausgezogen. Er programmiert von 6.30 Uhr früh bis spät in die Nacht. Seine Frau bezeichnet ihn als „total beknackt“, der Ehe hat es aber nicht geschadet.
  • Damit Serge programmieren kann, investieren wir das gesamte Vereinskapital von knapp 4’000 Franken in einen Laptop.
  • In diesem Jahr wird smartvote zum ersten Mal auf kantonaler Ebene angeboten: in den Kantonen Thurgau und St. Gallen.

Wie gehts weiter? Fortsetzung folgt…

10 Jahre smartvote: Teil 1

PROLOG: EINE ONLINE-WAHLHILFE ENTSTEHT

Wir schreiben das Jahr 2001: Die Idee wird geboren – wann und wie genau sie entstanden ist, ist jedoch nicht mehr ganz klar. Dass dabei Bier im Spiel war, da sind wir uns aber sicher. Die übrigen Zutaten: ein Politologe (Daniel), ein Historiker (Jan), ein Designer (Albert), zwei Wirtschaftsinformatiker (Serge und Tobias) und ein Volkswirtschaftler (Bruno).

Motivation: Wir wollten zwar wählen gehen, taten uns aber mit der Entscheidung schwer. Bei allen Parteien hat uns immer irgendetwas nicht gepasst. So kam die Idee auf, dass allenfalls ein Computerprogramm diesem Problem Abhilfe schaffen könnte.

Gearbeitet haben wir an der Idee jeweils nach Feierabend und an den Wochenenden. Für Sitzungen wurden Seminarräume an der Uni Bern in Beschlag genommen – in der Regel wurden wir gegen 21 Uhr von der Putzkolonne vor die Tür gesetzt.

Wir schreiben das Jahr 2002: Die Idee wird verfeinert und am Namen der Website rumgedoktert. In der engeren Auswahl stehen easyvote.ch und smartvote.ch. Der Entscheid erfolgt knapp zugunsten von Letzterem – der Autor wird dabei überstimmt, ist heute darüber aber sehr glücklich.

smartvote 1.0: Die erste smartvote-Version steht, wird aber nicht veröffentlicht. Sie verfügt zwar bereits über eine gut funktionierende Wahlempfehlung, ist aber farblich noch sehr gewagt in Giftgrün gehalten.

smartvote 2.0: Die zweite Version folgt bereits gegen Jahresende. Als tonangebende Farbe wird nun Orange verwendet und ist dies heute noch. Zudem wird das Logo entworfen, und in Zusammenarbeit mit Sotomo entsteht der smartspider.

Fortsetzung folgt …

Die Beteiligung von Parteien und Kandidierenden bei smartvote

Der Nutzen von smartvote für die Öffentlichkeit hängt eng mit einer hohen Beteiligung der Parteien und der Kandidierenden zusammen. Wie hat sich die Teilnahmequote der Kandidierenden bei smartvote im Verlauf der letzten 10 Jahre entwickelt?

Am Beispiel je einer nationalen, einer kantonalen und einer lokalen Wahl soll diese Entwicklung kurz aufgezeigt werden:

  • Nationalratswahlen 2007 und 2011: Bei den Nationalratswahlen 2007 haben rund 2600 von 3089 Kandidierenden (84%) den smartvote-Fragebogen ausgefüllt. 2011 haben sich ebenfalls 84% aller Kandidierenden beteiligt. In absoluten Zahlen ist die Anzahl teilnehmender Kandidierenden allerdings auf rund 2900 (von 3458) gestiegen.
  • Kantonsratswahlen St. Gallen 2008 und 2012: Bei den Wahlen des Kantonsrats im Jahr 2008 haben sich 85% der Kandidierenden bei smartvote beteiligt. Dieser Anteil ist bei den Wahlen 2012 konstant geblieben. Die absolute Anzahl Kandidierende ist ebenfalls ungefähr gleich geblieben.
  • Stadtratswahlen Bern 2008 und 2012: Bei den Wahlen des Stadtrats von Bern haben im Jahr 2008 71% der Kandidierenden den Fragebogen ausgefüllt. 2012 ist dieser Anteil auf 83% gestiegen. Die absolute Anzahl teilnehmender Kandidierender ist dabei ebenfalls deutlich gestiegen.

beteiligung_kandis

Durch einen Vergleich aller von smartvote begleiteten Wahlen kommt man zu einem ähnlichen Ergebnis wie in den drei aufgeführten Beispielen: Die Beteiligung der Kandidierenden ist in den vergangenen Jahren laufend angestiegen, nämlich im Schnitt von 78% auf 85%. Dabei ist auffällig, dass sowohl bei Exekutiv- als auch bei Legislativwahlen sowie auf allen politischen Ebenen die Beteiligung der Politiker/-innen zunimmt.

Auch die regelmässig während Wahlen auftauchende Kritik an smartvote führte nicht zu einer Abnahme bei der Beteiligung der Kandidierenden. Vielmehr steigt die Nutzung von smartvote laufend an. Ob sich dieser Trend fortsetzt oder die Zahlen auf diesem hohen Niveau stagnieren, wird sich in Zukunft zeigen. Insgesamt sind die Politiker, wie durchgeführte Studien zeigen, durchaus zufrieden mit smartvote. Rund 70% der befragten Nationalratskandidierenden gaben 2007 an, dass smartvote für sie ein klarer Vorteil darstellte. Nur gerade 2% gingen von einem negativen Einfluss aus.

Die Beteiligung der Parteien stellt für das smartvote-Team bei jeder Wahl aufs Neue eine Herausforderung dar — Kontaktaufnahme, Offerte-Versand, Überzeugungsarbeit etc. Umso mehr freut es uns, dass jeweils so viele Kandidierende mitmachen.