Bequem ist anders – über die User/innen von smartvote

smartvote sieht sich wiederholt mit dem Vorwurf konfrontiert, dass es seine Benutzer/innen nicht zu einem gut überlegten, also „smarten“, Wählen verhelfe. Vielmehr verleite smartvote zu einer übereilten und nicht durchdachten Wahlentscheidung – quasi zu einem „instant-voting“. Was ist an diesem Vorwurf dran?

Gerade im Vorfeld der Wahlen 2011 brachte es die wachsende Anzahl Benutzer/innen mit sich, dass auch die Zahl der Kritiker/innen zunahm. Eine gute Übersicht zur geäusserten Kritik bieten die Disskussionen zum Thema smartvote bei Politnetz:

  • smartvote fördere ein einseitiges Links-rechts-Denken.
  • smartvote bilde nur die Oberfläche ab und ignoriere die Mechanismen der Meinungsbildung und Kompromissfindung.
  • Die Gründe, warum eine Partei oder ein Kandidat eine bestimmte Position einnehme, würden nicht genügend berücksichtigt. Dies verstärke das sture Festhalten an Positionen.
  • Der Dialog zwischen den Kandidierenden und den Wähler/innen sowie unter den Wähler/innen selbst komme viel zu kurz.
  • smartvote müsse die Grenzen seines Vermessungsanspruchs aufzeigen, es sei ja schliesslich keine Religion. smartvote sei höchstens ein dekoratives Element bei der Wahlentscheidung.

Kern der Kritik an smartvote

Der Begriff des „Instant-votings“ trifft den Kern dieser Kritik ziemlich genau: Es wird befürchtet, dass smartvote-Benutzer/innen zu bequem seien, sich bei einer Wahl ernsthaft und intensiv mit den Sachthemen und den Positionen der Parteien auseinanderzusetzen. Stattdessen würden sie rasch einen Fragebogen ausfüllen und ihre Wahlentscheidung an einen mathematischen Algorithmus delegieren. Statt sich mühsam durch Wahlunterlagen zu quälen, vertrauten sie lieber blindlings einem Computer.

smartvote-User/innen werden unterschätzt

Diese Kritik läuft jedoch klar ins Leere und hält einer vertieften Betrachtung nicht stand. Anlässlich der Wahlen 2011 haben mehr als 20’000 Benutzer/innen an einer wissenschaftlichen Umfrage zur Benutzung von smartvote teilgenommen. Sieht man sich die Ergebnisse dieser Umfrage an, so wird ersichtlich, dass die oben beschriebene Sicht auf die smartvote-User/innen grundlegend falsch ist.

Tabelle 1: Wie wurde die smartvote-Wahlempfehlung zur Entscheidungsfindung genutzt?

Die Resultate in Tabelle 1 entkräften die Kritik von blindlings wählenden smartvote-User/innen deutlich. Auf der Grundlage ihrer Wahlempfehlung haben über die Hälfte der Benutzer/innen mit anderen Wähler/innen über politische Themen und Kandidierende diskutiert, haben sich daraufhin über weitere Kanäle zu den Kandidierenden informiert, und sie setzten sich auch mit neuen politischen Sachthemen auseinander. smartvote fördert demnach interessierte und differenziert wählende Stimmbürger/innen und mitnichten faule Wähler/innen, die sich nicht mit Parteien und ihren politischen Positionen auseinandersetzen wollten.

Tabelle 2: Welchen Effekt hatte die smartvote-Wahlempfehlung auf den Wahlentscheid?

Tabelle 2 verdeutlicht, dass die smartvote-Benutzer/innen keineswegs ihre Wahlempfehlung 1:1 übernehmen! Sie benutzen sie als Entscheidungsgrundlage, um nach Hinzuziehen weiterer Kriterien und Informationen ihre Wahl zu treffen und dabei gezielt Kandidierende zu panaschieren, kumulieren oder zu streichen. Dieser Punkt freut uns besonders, da wir genau diese Art von Benutzung unserer Wahlhilfe wünschen. Es war und ist nie unser Ziel, dass die smartvote-Wahlempfehlung unreflektiert auf den Wahlzettel übertragen wird.

smartvote-User/innen alles andere als „bequem“

Nicht nur die Ergebnisse der beiden Tabellen widersprechen der Kritik des zu bequemen smartvote-Users. Diesem Bild des „Instant“-Wählers widerspricht allein schon der smartvote-Fragebogen: Dieser beinhaltete 2011 75 Fragen zu komplexen und komplizierten politischen Themen. Das smartvote-Team hatte dazu ausführliche Erläuterungen verfasst, die von zahlreichen Benutzer/innen geschätzt und gelesen wurden. Das Beantworten des smartvote-Fragebogens ist alles andere als bequem…

Produziert smartvote Wechselwähler/innen?

Treffen nachfolgende Kriterien auf Sie zu?

Sie sind

  • Männlich?
  • Zwischen 18 und 44 Jahre alt?
  • Politisch mitte-links positioniert?

Sie haben

  • einen höheren Bildungsabschluss?
  • und ein hohes politisches Interesse?

Und Sie wählen nicht immer dieselbe Partei?

Wenn ja, dann gehören Sie zum Stereotyp des durchschnittlichen smartvote-Users. Zu diesem Ergebniss kam eine Online-Umfrage bei 20’000 smartvote-Benutzerinnen und -Benutzern anlässlich der Nationalrats- und Ständeratswahlen 2011. Die Umfrage wurde auch bereits 2003 und 2007 durchgeführt. Die Resultate dieser Umfragen können mit den Daten der Wahlstudie Selects, die ebenfalls immer bei Eidgenössischen Wahlen durchgeführt wird, verglichen werden. So kann das Profil der smartvote-Benutzer/innen demjenigen der tatsächlichen Wähler/innen gegenübergestellt werden.

Abbildung 1: Profil der smartvote-Benutzer/innen und der Wähler/innen im %-Vergleich

Quelle: NCCR „Democracy“, IP16 „smart-voting 2.0“ für die Daten der smartvote-Benutzer/innen und Selects 2011 für die Daten der Wähler/innen.

Es gibt ihn, den typischen User

Der Tabelle lässt sich das bereits eingangs durch die Fragen gezeichnete Bild des typischen smartvote-Users entnehmen: Deutlich übervertreten sind Männer, die Altersgruppen bis 44 Jahre sowie Personen mit einem höheren Bildungsabschluss.

Abbildung 2: Über- und Unterrepräsentation der smartvote-Benutzer/innen

Quelle: NCCR „Democracy“, IP16 „smart-voting 2.0“ für die Daten der smartvote-Benutzer/innen und Selects 2011 für die Daten der Wähler/innen.

Ein Vergleich mit Daten der Benutzer/innen-Befragungen 2003 und 2007 zeigen ein fast identisches Bild. Der Anteil der Frauen hat sich seit 2003 etwas erhöht, und auch bei den Altersgruppen nimmt die Übervertretung der jüngeren Altersgruppen tendenziell ab. Allerdings bleiben die sehr grossen Unterschiede bezüglich der Bildungsabschlüsse bestehen bzw. haben sich sogar noch leicht verstärkt.

Wo stehen die smartvote-Benutzer/innen politisch?

Dass Wähler/innen, die smartvote benutzen, sich überdurchschnittlich stark für Politik interessieren, ist eigentlich selbsterklärend. Im Vergleich mit den Daten von 2007 zeigt sich auch hier eine mehr oder weniger stabile Entwicklung – die grossen Unterschiede zwischen smartvote-Benutzer/innen und Wähler/innen bleiben bestehen.

Politisch nehmen die smartvote-Benuterzer/innen tendenziell eine Mitte-links-Position ein. Der Anteil der smartvote-Benutzer/innen, die sich in der Mitte des politischen Spektrums verorten, stimmt sehr genau mit demjenigen der Wähler/innen insgesamt überein. Allerdings sind die Rechts-Wähler/innen deutlich unter- und entsprechend die Links-Wähler/innen deutlich übervertreten. Allerdings überrascht aber auch dieses Resultat nicht wirklich: Unter den jüngeren Wähler/innen mit einem hohen Bildungsabschluss sind die linken Positionen generell stärker vertreten, und gerade diese Bevölkerungsgruppen sind auch besonders intensive smartvote-Benutzer/innen. Insgesamt kann man aber auch festhalten, dass ein beachtlicher Teil der Benutzer/innen sich mitte-rechts und nicht links positioniert.

Produziert smartvote Wechselwähler/innen?

Ein letztes und äusserst interessantes Merkmal des politischen Profils ist weder in der Tabelle noch in der Abbildung aufgeführt: Aus den Befragungen geht hervor, dass es unter den smartvote-Benutzer/innen mehr Wechselwähler/innen und weniger loyale Stammwähler/innen gibt. Gerade bei diesem Punkt stellt sich jedoch die Frage, ob smartvote mit seiner Wahlempfehlung Wechselwähler/innen „produziert“, indem ihnen gezeigt wird, dass sie Kandidierenden unterschiedlicher Parteien nahestehen, oder ob smartvote primär von Wähler/innen, die sowieso schon Wechselwähler/innen sind, benutzt wird. Diese Frage wurde von einem Forschungsprojekt angegangen, konnte aber nicht abschliessend beantwortet werden, da die Resultate – wie oft in der sozialwissenschaftlichen Forschung – nicht ganz eindeutig ausgefallen sind. In der Tendenz läuft es aber eher darauf hinaus, dass smartvote tatsächlich Wechselwähler/innen „produziert“, anstatt dass es nur solche anzieht.

Fazit

Der Vergleich über die letzten acht Jahre zeigt, dass sich die Unterschiede, wenn überhaupt, nur langsam nivellieren. Für uns als Betreiber von smartvote sind diese Befunde nur teilweise befriedigend. Wir sähen es natürlich gerne, wenn unsere Plattform von möglichst allen Bevölkerungsgruppen gleichmässig benutzt würde. Nur können wir wenig tun, um dies zu fördern. Ein wichtiges Mittel ist es aber sicherlich, weiterhin zu versuchen, smartvote so einfach wie möglich zu gestalten und auf eine hohe Benutzerfreundlichkeit zu setzen. Diesbezüglich können wir die Plattform mit Sicherheit noch verbessern.

Die Qual der Zahl – wie oft wird smartvote überhaupt benutzt?

Wie viele Wähler/innen benutzen smartvote tatsächlich? Diese Frage wird uns immer wieder gestellt. Obschon die Frage einfach ist, ist sie nicht einfach zu beantworten. Denn die Benutzung lässt sich unterschiedlich berechnen.

Die einfachste Art und Weise, die Benutzung zu erheben, ist das Zählen der Wahlempfehlungen. Allerdings führt diese Zählweise zu eher fragwürdigen Ergebnissen. Dazu ein Beispiel: Anlässlich der National- und Ständeratswahlen 2011 wurden bei smartvote mehr als 1.2 Millionen Wahlempfehlungen erstellt. Aber bedeutet dies, dass tatsächlich 1.2 Millionen Wähler/innen smartvote benutzt haben? Wohl kaum. Angesichts von nur knapp 2.5 Millionen Wähler/innen, die sich an den Wahlen beteiligt haben, wäre dies eine geradezu phänomenale Benutzungsquote. Doch so phänomenal dies wäre, so unglaubwürdig wäre es auch. Anhand der Anzahl Wahlempfehlungen allein kann also die eingangs gestellte Frage nicht aussagekräftig beantwortet werden.

Am Beispiel der nationalen Wahlen 2011 möchten wir deshalb aufzeigen, wie wir die Benutzerzahlen erheben:

  • Es wurden nur die Wahlempfehlungen im Zeitraum vom 12. September bis zum 23. Oktober 2011 berücksichtigt. In der Periode von Juli bis Anfang September hatten noch zu wenig Kandidierende den smartvote-Fragebogen ausgefüllt, als das eine aussagekräftige Wahlempfehlung erstellt werden konnte.
  • Viele Wähler/innen besuchten die Website mehrmals. Diese Mehrfachbesuche wurden aus der Statistik entfernt.
  • Doch auch bei nur einem Besuch, erstellen sich die Benutzer/innen oft mehr als eine Wahlempfehlung (z.B. eine ernsthafte für den eigenen Wahlkreis und weitere aus Neugier für andere Wahlkreise). Daher wird nur eine Wahlempfehlung pro Besucher/in berücksichtigt.

RASANTES WACHSTUM 2003 BIS 2011

Auf diese Weise haben wir die Benutzung von smartvote für die National- und Ständeratswahlen von 2003 bis 2011 berechnet. So kamen wir für 2011 auf 437’000 Benutzer/innen – dreimal weniger als Wahlempfehlungen ausgestellt wurden.

Die Grafik zeigt nicht nur den grossen Unterschied zwischen der Anzahl Wahlempfehlungen und der Anzahl Benutzer/innen, sondern insbesondere auch das rasante Wachstum in der Benutzung von smartvote. Haben 2003 rund 92’000 Wähler/innen smartvote vor den Wahlen konsultiert, so waren es 2007 bereits 350’000. Von 2007 auf 2011 konnte die Benutzung nochmals um 25% gesteigert werden. Der Anteil von smartvote-Nutzer/innen an der wählenden Bevölkerung lag somit bei rund 18%. Für die Jahre 2007 und 2011 können wir unsere Ergebnisse mit Berechnungen anhand der Daten der repräsentativen Wahlstudie Selects vergleichen. Auf der Basis des Datenmaterials von Selects erhalten wir eine etwas tiefere Benutzungsquote von 14 bis 16%. Beide Berechungsmethoden kommen also zu vergleichbaren Resultaten.

UNTERSCHIEDLICHE INTENSITÄT DER BENUTZUNG IN DEN KANTONEN

Nicht überall in der Schweiz wird smartvote gleich intensiv genutzt. Vergleicht man die Intensität der Benutzung zwischen den einzelnen Kantonen fallen die Resultate sehr unterschiedlich aus. Die Bandbreite reicht von 24.5% der wählenden Bevölkerung im Kanton Zürich hinunter zu 0.6% im Kanton Obwalden.

Grundsätzlich lassen sich aus dieser Grafik zwei Tendenzen erkennen:

  • Zum einen wird smartvote in grossen Kantonen überdurchschnittlich intensiv genutzt. Der Kanton Appenzell-Innerrhoden ist diesbezüglich wohl die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Dies ist nicht weiter erstaunlich: In grossen Kantonen gibt es mehr zu besetzende Sitze, und es gibt auch mehr Parteien und Kandidierende. Entsprechend schwieriger ist es für die Wähler/innen, sich einen Überblick zu verschaffen. Der Nutzen von smartvote scheint in den grossen Kantonen grösser zu sein.
  • Zum anderen ist die Benutzung in der Westschweiz und im Tessin deutlich tiefer als in der Deutschschweiz. Woran dies liegt, lässt sich kaum abschätzen. Die Beteiligung der Kandidierenden in der Westschweiz war ebenfalls hoch, und smartvote verfügte über zahlreiche Medienpartner ausserhalb der Deutschschweiz. Die Rahmenbedingungen waren also vergleichbar. Möglich wäre aber, dass Online-Wahlhilfen in der Westschweiz und im Tessin deutlich kritischer betrachtet werden.

ANGEBRACHTE ZURÜCKHALTUNG

Wie aus diesem Blogartikel ersichtlich wird, muss man bei der Bestimmung der Benutzung von Online-Wahlhilfen vorsichtig sein. Wir bei smartvote haben uns für eine eher restriktive Methode entschieden und haben diese nun an dieser Stelle transparent gemacht. Für Vorschläge, wie man es besser machen könnte, sind wir natürlich immer offen und dankbar.

smartvote in Zahlen

 

SO PRÄSENTIEREN SICH DIE WAHLEN 2011 BEI SMARTVOTE IN ZAHLEN:

Zwischen Juni und November 2011

  • hatte smartvote insgesamt 700’000 Besucher/innen,
  • wurden 1,2 Millionen Wahlempfehlungen (WE) ausgestellt,
  • wurde smartvote in den Medien mehr als 300-mal erwähnt,
  • war der 17. Oktober Besucher-Spitzentag mit fast 40’000 Besucher/innen,
  • war der 19. Oktober Wahlempfehlungs-Spitzentag mit über 55’000 Wahlempfehlungen.

WE = Wahlempfehlungen

Und so sehen die Zahlen bei smartvote hinter den Kulissen aus:

Für die Zeit von November 2010 bis November 2011 wurden vom smartvote-Team insgesamt 14’000 Arbeitsstunden für das Projekt geleistet.

Dabei hat das smartvote-Team für die nationalen Wahlen

  • rund 3’500 Kandidierende in der Datenbank erfasst und verwaltet,
  • 3’500 E-Mails von Parteien und Kandidierenden bearbeitet,
  • über 1’300 Fragen und Probleme von Wähler/innen beantwortet,
  • über 1’000 Telefonate entgegengenommen,
  • mehr als 600 Grafiken und Analysen für Medienpartner erstellt,
  • fast 400 Stunden zur Erstellung des smartvote-Fragebogens aufgewendet,
  • in rund 1’000 Stunden die Frageerläuterungen geschrieben, übersetzt und bearbeitet.

Wir danken unseren fleissigen Usern und sehen nun nach den intensiven Sommer- und Herbstmonaten einem etwas ruhigeren Winter entgegen. Winterschlaf aber machen wir keinen! Stehen im Frühling 2012 doch die Wahlen in St. Gallen und Thurgau an, die vorbereitet werden wollen.