Eine Analyse des Online-Diskurses zur Durchsetzungsinitiative

Gastbeitrag von Dominik Wyss — er hat zusammen mit smartvote das Projekt „smartopinion“ anlässlich der Durchsetzungsinitiative durchgeführt und ist Doktorand an der Universität Luzern mit dem Forschungsschwerpunkt Online-Deliberation.

Die meisten Beobachter sind sich einig: Der überaus intensive Online-Diskurs im Vorfeld der Abstimmung zur Durchsetzungsinitiative (DSI) verlief höchst einseitig. Insbesondere auf Facebook und Twitter überwogen die DSI-kritischen Äusserungen, so dass der Verdacht aufkam, die Sozialen Medien hätten die Initiative zu Fall gebracht. In diesem Beitrag interessiert uns, ob dieser Verdacht tatsächlich zutreffen könnte.

Mobilisierung oder Verständigung
Es sind prinzipiell zwei Mechanismen denkbar mit welchen die Sozialen Medien den eindrücklichen Umschwung in der öffentlichen Meinung herbeiführten[1]. Der erste Mechanismus ist die Mobilisierung. Viele Beiträge in den Sozialen Medien implizierten, dass am 28. Februar nicht weniger auf dem Spiel stand als der Schweizer Rechtsstaat. Unter dem Eindruck einer drohenden rechtsstaatlichen Zäsur liessen sich wohl einige «stimmfaule» Gegner zum Gang an die Urne motivieren. Der zweite Mechanismus ist die inhaltliche Verständigung. In den Sozialen Medien wurden Bilder, Videos und Texte verbreitet, welche sehr oft zentrale Argumente der Abstimmungsgegner beinhalteten. Die grosse Reichweite dieser Inhalte sowie die persönliche Kommunikationsweise könnte zahlreiche Unentschlossene oder gar Befürworter von den Nachteilen der Initiative überzeugt und zur Meinungsänderung motiviert haben.

In der wissenschaftlichen Literatur wird das Verständigungspotenzial der Sozialen Medien eher pessimistisch eingestuft. Allem voran wird angeführt, dass Online-Diskussionen sehr oft exklusiv unter Gleichgesinnten stattfinden[2]. Das Sprichwort, gleich und gleich gesellt sich gern, besitzt in den Sozialen Medien hohe Relevanz und wird von den Plattformbetreibern mit spezifischen Filter-Algorithmen gekonnt ausgenutzt. So werden auf vielen Plattformen die Beiträge von befreundeten Usern an privilegierter Stelle präsentiert, während die Beiträge von Fremden ungelesen bleiben. Zudem zeigen Studien, dass viele User die Sozialen Medien in erster Linie verwenden um den eigenen Emotionen Luft zu verschaffen oder um die soziale Stellung im Kreis der Follower zu stärken[3]. Es ist fraglich wie gross die Verständigungsleistung von Kommunikation ist, wenn sie sich insbesondere gegen innen (sich und die Follower) und nicht gegen aussen (Andersgesinnte) richtet.

Wie inklusiv waren die Sozialen Medien?
Gemäss diesen Überlegungen ist zu vermuten, dass die Sozialen Medien nicht allzu viel zur gesellschaftlichen Verständigung beitrugen, sondern vor allem durch einen Mobilisierungseffekt obsiegten. Ob dies zutrifft ist auch im Zeitalter von Big Data und modernen Analysemethoden nicht abschliessend festzustellen. Mit einer innovativen Methode kann jedoch modelliert werden, ob der Diskurs in den Sozialen Medien eher in exklusiven (unter Gleichgesinnten) oder inklusiven (Ideologie-übergreifenden) Medien stattgefunden hat. Dies ist ein vielversprechender Schritt, um das Verständigungspotential der Sozialen Medien auszuloten.

Grundlage der Analyse sind über 35’000 Hyperlinks, welche im Februar auf Twitter im Zusammenhang mit der Durchsetzungsinitiative gepostet wurden. Mittels einer principal coordinates analysis (PCoA) extrahierten wir aus den Hyperlinkdaten ein Zustimmungskontinuum zur Durchsetzungsinitiative auf dem alle verlinkten Online-Medien angeordnet sind. Im untenstehenden Diagramm ist ersichtlich, dass die Kampagnenseiten von «Operation-Libero» und dem «Dringenden Aufruf» sowie auf der anderen Seite die SVP-Webseite an den beiden Enden des Kontinuums angesiedelt sind. Das bedeutet, dass diese drei Webseiten vor allem von Twitter-Usern verbreitet wurden, welche auch sonst nur klar positionierte Online-Präsenzen verlinkten. Im mittleren Bereich befinden sich hingegen die Online-Präsenzen, welche von einer breiten, Ideologie-übergreifenden Leserschaft gelesen und verlinkt wurden, wie etwa das Gfs-Bern, easyvote.ch oder das Schweizer Radio und Fernsehen. Dieses Kontinuum stellt daher nichts Anderes dar als eine vielversprechende Annäherung an die Inklusivität der Online-Medien in der DSI-Berichterstattung im Februar.

Inklusivität der Online-Medien im DSI-Diskurs

Das dargestellte Kontinuum zeigt die Inklusivität der Online-Medien im Diskurs zur Durchsetzungsinitiative im Februar. Je zentraler sich ein Medium befindet, desto eher wurde es von Initiativbefürwortern und -gegnern gemeinsam gelesen und verlinkt. Die Schriftgrösse entspricht der Popularität auf Twitter. Methode: Principal coordinates analysis (PCoA). Aus Konfidenzgründen wurden nur die 85 Online-Präsenzen einbezogen, welche von mindestens zehn verschiedenen Twitter-Usern verlinkt wurden.

Im unteren Teil des Diagramms offenbart sich, dass die Berichterstattung der klassischen Medien (Printpresse, Radio- und Fernsehanstalten) nicht nur bei den Gegnern der Initiative Anklang fand, sondern bis tief ins Lager der Befürworter hinein gefiel. Die unipolare und zentrierte Verteilung der klassischen Medien deutet darauf hin, dass sie ein beträchtliches Potential besitzen verschiedene politische Perspektiven an einen «Tisch» zu bringen um einen ausgeglichenen und inklusiven Diskurs zu bewerkstelligen.

Im oberen Teil des Diagramms sind die Online-Präsenzen abgetragen, welche als «Alternative Medien» kategorisiert wurden. In dieser Kategorie befinden sich insbesondere die Sozialen Medien, Online-Zeitungen und andere Webseiten, welche im DSI-Diskurs beachtet wurden aber nicht den klassischen Medien zuzuordnen sind. Das Diagramm impliziert, dass hier die überwiegende Mehrheit exklusiv im Nein-Lager Anklang fand und dabei Unentschlossene und Befürworter aussen vor liess. Diese Momentaufnahme – bei all ihren Vorbehalten – nährt den Verdacht, dass die Königsdisziplin der Sozialen Medien die Mobilisierung und nicht die Verständigung ist, weil sie in erster Linie eine Plattform bieten für bereits überzeugte Gleichgesinnte.

Besteht Handlungsbedarf?
Zweifelsohne ist die Mobilisierungsfähigkeit für jede Demokratie von grosser Bedeutung. Durch sie können Missstände ins Augenmerk einer breiten Öffentlichkeit gebracht oder bei bisher Desinteressierten ein politisches Bewusstsein geweckt werden. Dennoch ist der Einwand ernst zu nehmen, dass die Sozialen Medien die Politik wohl emotionaler und daher «chaotischer» machen, weil die Nachhaltigkeit und Rationalität der Entscheidungen auf der Strecke bleiben. Im Extremfall entscheiden nicht die besten Argumente, sondern, wer es schafft mit Schreckensszenarien oder aufwühlenden Einzelfallberichten die stärksten Emotionen zu schüren um eine hohe Zahl von Gleichgesinnten zu mobilisieren. Es sei daher auf jeden Fall empfohlen die Wirkung und Entwicklung der Sozialen Medien zu beobachten und gleichzeitig zu versuchen die Palette von politischen Online-Angeboten zu erweitern, damit nicht nur deren Mobilisierungspotential, sondern auch deren Verständigungspotential besser ausgeschöpft werden kann. Letzteres versuchten wir im Februar im Pilotprojekt smartopinion, welches wir demnächst an dieser Stelle vorstellen werden. 

[1] Milic Thomas (2016): «Wie viel Wandel steckt im Meinungswandel?», http://www.politan.ch/wie-viel-wandel-steckt-im-meinungswandel, 7. März 2016
[2] Ein populärer Skeptiker der Verständigungsleistung von Sozialen Medien ist Cass Sunstein (2002, 2007)
[3] Ekdale Brian et al (2010): “Why blog? (then and now): exploring the motivations for blogging by popular American political bloggers”, New Media & Society

Appendix: Die oben visualisierten Daten können hier als Tabelle heruntergeladen werden.

 

2 Gedanken zu „Eine Analyse des Online-Diskurses zur Durchsetzungsinitiative

  1. Ein Erklärungsversuch:
    Es ist wohl unbestritten, dass in den Artikeln der klassischen Medienportale die Kontra-Seite stark dominierte (siehe Auswertung von Claude Longchamp). Da heutzutage die allermeisten Beiträge auf Facebook aus „shared“ oder „liked“ content bestehen, sprich verlinkte Artikel aus den Medienportalen, ist es auch nicht verwunderlich, dass es wesentlich einfacher war, ständig neue Kontra-Artikel zu sharen.
    Ich hätte erwartet, dass das Verhältnis bei Twitter weniger einseitig war, da es dort viel gängiger ist, eigenständige Gedanken zu formulieren.
    Oder was käme bei der Analyse raus, wenn man alle social media Beiträge mit links zu Zeitungsartikeln rausfiltert?

    • In denen von uns untersuchten Tweets enthalten 73% einen Link auf eine Online-Präsenz. Demnach ist eine wichtige Funktion von Twitter auf andere Inhalte hinzuweisen. Gerade dies macht Twitter attraktiv für Analysen wie diese. Freilich ist Twitter überhaupt nicht repräsentativ. Wir hätten wohl mehr alternative Medien im Pro-Lager gefunden, wenn mehr DSI-Befürworter bei Twitter aktiv wären. Für unsere Hauptaussage (dass die alternativen Medien viel exklusiver sind) ist dies aber weniger relevant. Zu ihrer Frage: Wir haben die Inhalte der verlinkten Medien nicht analysiert und können daher ihre letzte Frage nicht beantworten.

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