Linke Stadt, rechte Stadt: Die politischen Profile Zürichs und Winterthurs im Vergleich

Zürich und Winterthur ticken politisch unterschiedlich. Die Wahlen vom 9. Februar haben dies vor allem mit Blick auf die Zusammensetzung der Stadtregierung erneut bestätigt: Während in Zürich sechs links-grüne Stadträte plus ein mitte-links anzusiedelnder CVP-Vertreter bloss zwei Vertretern aus dem (rechts-) bürgerlichen Lager gegenüberstehen, besteht die Winterthurer Exekutive aus drei Linken und vier Bürgerlichen.

Doch Wahlresultate sollten nicht nur auf die Liste der Gewählten reduziert werden. Lohnend ist auch ein Gesamtblick auf die Verteilung der politischen Positionen, welche die Wähler/innen mit ihrem konkreten Wahlentscheid unterstützt haben.

Die Grafiken 1 und 2 zeigen die politischen Profile von Zürich und Winterthur. In den Grafiken werden die Links-rechts-Positionen sämtlicher Kandidierender auf der x-Achse und die Zahl der Stimmen, die auf diese Positionen entfallen sind, auf der y-Achse wiedergegeben (als „Wählerdichte“ dargestellt). Man kann dies auch als Darstellung des Aufeinandertreffens eines politischen Angebots (die Links-rechts-Positionen der Kandidierenden) auf eine Nachfrage (in Form der erzielten Wählerstimmen) beschreiben.

Beide Grafiken enthalten die Verteilung der Wählerdichte für die Parlamentswahlen (rote Kurve) und die Regierungswahlen (blaue Kurve). Die Links-rechts-Positionen wurden basierend auf den Antworten beim smartvote-Fragebogen anhand einer Korrespondenzanalyse berechnet. Leere Listenstimmen sowie Stimmen, die auf Kandidierende entfallen sind, die den smartvote-Fragebogen nicht beantwortet haben, wurden proportional auf die übrigen Kandidierenden derselben Partei verteilt. Aufgrund der hohen Kandidatenbeteiligung bei smartvote fällt dies aber kaum ins Gewicht.


Grafik 1: Politisches Profil der Stadtzürcher Wahlen 2014

 

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Grafik 2: Politisches Profil der Winterthurer Wahlen 2014

Ähnlich sind sich die beiden Städte vor allem darin, dass die grösste Wählerdichte links der Mitte zu beobachten ist: In Winterthur wie in Zürich haben viele Wähler/innen ihre Stimme Kandidierenden gegeben, die sich einen sehr engen politischen Raum teilen. Dabei handelt es sich vor allem um Wähler/innen von SP, Grünen und AL. Ansonsten verläuft die rote Parlamentskurve der beiden Städte leicht unterschiedlich: Die Wählerdichte im Stadtzürcher Elektorat nimmt zur Mitte hin kontinuierlich ab; erst wieder im rechten Spektrum sind zwei etwas kleinere “Höcker” auszumachen. Der erste Höcker ist im Wesentlichen auf FDP-Wähler/innen zurückzuführen, der zweite Höcker wird durch die Stimmen der SVP-Wähler/innen gebildet.

Anders beim Grossen Gemeinderat in Winterthur: Bereits links der Mitte bildet sich eine zusätzliche Ausbuchtung, welche aufgrund der Stimmen für die Kandidierende der glp und der CVP zustande kam. Zwischen den Winterthurer glp-Kandidierenden und den Vertretern links-grüner Parteien ist der Übergang weniger fliessend als in Zürich. Zudem gibt in Winterthur das rechte Spektrum ein “harmonischeres” Bild ab als in Zürich: Die Positionen der FDP und der SVP liegen näher beieinander.

Erheblich sind die Differenzen der beiden Städte bei der Stadtratswahl. In Zürich zeigen sich im Wesentlichen die gleichen Präferenzen der Wählerschaft wie bei den Parlamentswahlen. Einzig das politische Angebot der bürgerlichen Parteien, insbesondere der SVP, traf auf eine geringere Nachfrage als in den Gemeinderatswahlen. Dies dürfte damit zusammenhängen, dass es relativ wenig reine Rechts-Wähler/innen gegeben hat. Viele Wähler, die bürgerlich – und vor allem die FDP – gewählt haben, dürften gleichzeitig auch für einzelne links-grüne Kandidierende gestimmt haben.

Eine andere Verteilung zeigt sich bei den Winterthurer Exekutivwahlen. Die Wählerdichte konzentriert sich stärker auf ein relativ breites Kandidatenspektrum zwischen Mitte-links und Mitte-rechts. Trotz des Wahlerfolgs des SVP-Kandidaten zeigt sich wie bereits in Zürich, dass die Positionen des rechtsbürgerlichen Lagers im Vergleich zu den Parlamentswahlen auf eine geringere wählerseitige Nachfrage stiessen. Im Falle Winterthurs hat dies allerdings auch mit dem Kandidaten-Angebot zu tun: Zwischen dem relativ weit rechts stehenden SVP-Vertreter und den restlichen bürgerlichen Kandidaten klaffte eine grössere politische Lücke, die von niemandem ausgefüllt worden ist.

Abschliessend lässt sich im Vergleich der beiden Städte festhalten, dass in Zürich die Differenzen zwischen der Stadtregierung und dem Parlament geringer ausfallen als in Winterthur. Während Zürich ein ausgesprochen linkes Profil aufweist, präsentiert sich die politische Landschaft Winterthurs ausgeglichener.

Datenquellen: Offizielle Stimmenzahlen der Städte Zürich und Winterthur; smartvote.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Allgemein, Analysen von Daniel Schwarz. Permanenter Link des Eintrags.

Über Daniel Schwarz

Daniel Schwarz (1975) ist promovierter Politikwissenschaftler mit den Schwerpunkten Parlaments- und Parteienforschung sowie politisches System der Schweiz. Er lehrte und arbeitete 2004–2011 an der Universität Bern. 2011–2013 bearbeitete er an der London School of Economics and Political Science ein eigenes Forschungsprojekt. Daniel Schwarz ist Vereinspräsident von Politools und Co-Projektleiter von smartvote.

2 Gedanken zu „Linke Stadt, rechte Stadt: Die politischen Profile Zürichs und Winterthurs im Vergleich

  1. Die Analyse ist interessant und originell. Dass Sie aber die ökonomischen Begriffe Angebot und Nachfrage ins Spiel bringen, ist eine pure Verhöhnung der Wissenschaft. Der Grundgedanke staatlicher Aktivität ist ja gerade, Angebot und Nachfrage aus dem Gleichgewicht zu bringen. Demnach sollte die Welt nicht so sein, wie die Konsumenten, Arbeiter und Produzenten sie mit alltäglichen Entscheidungen bestimmen. Stattdessen werden die allermeisten Bereiche totalstaatlich reguliert. Die Arbeit soll explizit anders gemacht werden, als von der Gesamtheit der Bevölkerung gewünscht. Und jetzt kommen Sie und verdrehen die letzten übrig gebliebenen Begriffe der freien Marktwirtschaft – Angebot und Nachfrage. Wann ist die Beerdigung?

    • Ich denke eine Beerdigung der freien Markwirtschaft wird es so bald nicht geben.

      In Ihrem Kommentar kritisieren Sie die Verwendung der Begriffe „Angebot“ und „Nachfrage“ als „pure Verhöhnung der Wissenschaft“. Es ist allerdings so, dass bei räumlichen Analysen in der Wahlforschung (dazu gehört auch unsere Auswertung im Blog) diese Begriffe sehr oft verwendet werden. Nicht zuletzt da die verwendeten Modelle und Ansätze in der Ökonomie (Hotelling 1929) bzw. der ökonomischen Theorie der Politik (Downs 1956) ihren Ursprung haben (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Hotelling-Downs-Modell).

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