Sinn und Unsinn von Listenverbindungen

Für die Wahlen im Kanton Bern vom 30. März 2014 haben die Parteien in den neun Wahlkreisen nicht weniger als 127 Listen aufgestellt. Viele dieser Listen sind untereinander Listenverbindungen eingegangen (vgl. BZ-Artikel, Bund-Artikel).

Aus Sicht der Parteien sprechen vor allem zwei Gründe für Listenverbindungen:

  • Oft werden mit Listen- bzw. Unterlistenverbindungen nach Geschlecht, Alter oder geografischen Kriterien aufgespaltene Listen der eigenen Partei verbunden. Auf diese Weise soll verhindert werden, dass Stimmen verlorengehen.
  • Bei Listenverbindungen zwischen verschiedenen Parteien erhoffen sich jeweils alle beteiligten Parteien zusätzliche Sitzgewinne.

In der Regel profitiert innerhalb einer Listenverbindung die jeweils stimmenstärkste Partei. Mit Sicherheit lässt sich jedoch nicht vorhersagen, welche Liste bei einer Verbindung letztlich profitieren wird.

Bei der Partnersuche für eine Listenverbindung sind oft nicht die politischen Werte und Positionen der möglichen Partnerparteien ausschlaggebend. Vielmehr finden sich die Parteien oft aus strategischen Gründen. Um ihre Stimmen zu maximieren, gehen sie immer wieder auch Allianzen mit Parteien ein, von denen sie sich inhaltlich stark unterscheiden. Dies wird auch immer wieder kritisiert (vgl. BZ-Artikel).

Die Abbildungen 1 und 2 enthalten sämtliche Listen der Wahlkreise Bern und Berner Oberland, so wie sie sich im politischen Raum positionieren. Ebenfalls eingetragen sind sämtliche Listen- und Unterlistenverbindungen.

Die Listenverbindungen im Wahlkreis Bern – Gleich und Gleich gesellt sich gern

Im Wahlkreis Bern (vgl. Abbildung 1) bieten die Parteien den Wähler/innen ein breites Angebot und decken das ideologische Spektrum gut ab. Die Listenverbindungen der Mitte- und der bürgerlichen Parteien („glp – Liste für Trennung von Kirche und Staat“, „FDP – jf – machen.be“, „CVP – EVP“ und „SVP – EDU“) sind eher unspektakulär. Auffallend ist hingegen die hohe Dichte an Listen und Parteien im linken Spektrum: Nicht weniger als neun Listen von sechs Parteien mit nahezu identischen Positionen treten zur Wahl an! Alle neun Listen sind miteinander verbunden, und untereinander haben sie sich zu drei Unterlistenverbindungen zusammengeschlossen. Für die Wähler/innen dieser Parteien ist es somit kaum abzuschätzen, welcher Liste ihre Stimmen letztlich nützen werden. In diesem Fall ist dies allerdings nicht sehr gravierend, da sich die neun Listen sowieso sehr ähnlich positionieren.

Abbildung 1: Listenpositionen und -verbindungen im Wahlkreis Bern

Abbildung 1: Listenpositionen und -verbindungen im Wahlkreis Bern

Die Listenverbindungen im Berner Oberland – Gegensätze ziehen sich an

Ein etwas anderes Bild zeigt sich bei den Listen im Wahlkreis Berner Oberland (vgl. Abbildung 2): SP und Grüne sind eine Listenverbindung eingegangen, wobei die beiden SP-Listen zusätzlich noch mit einer Unterlistenverbindung verbunden sind. FDP und SVP haben jeweils mehrere nach geografischen Kriterien gesplittete Listen aufgestellt und diese parteiintern verbunden.

Interessant ist die Listenverbindung „glp – EVP – EDU“. Mit Ausnahme der Wahlkreise Bern und Berner Jura kommt diese Verbindung auch in allen anderen Wahlkreisen vor (in Thun noch unter Einbezug der CVP). Wie die Abbildung 2 zeigt, haben sich da drei Partner gefunden, die sich inhaltlich stark unterscheiden. Diese Differenzen werden in der Abbildung 3 mit einem Vergleich der smartspider der glp und der EDU noch deutlicher aufgezeigt.

Abbildung 2: Listenpositionen und -verbindungen im Wahlkreis Berner Oberland

Abbildung 2: Listenpositionen und -verbindungen im Wahlkreis Berner Oberland

 

Abbildung 3: smartspider-Vergleich der glp und EDU

Abbildung 3: smartspider-Vergleich der glp und EDU

 

Wie sinnvoll sind Listenverbindungen?

Für die Parteien können geschickt gewählte Listenverbindungen durchaus Sinn machen. Auch wenn man sich mit Listen zusammenschliesst, die sich weit ausserhalb des eigenen politischen Spektrums befinden. Gemäss Berechnungen von Daniel Bochsler und Claudia Alpiger von der Universität Zürich hat die glp beispielsweise sechs ihrer zwölf erzielten Sitze bei den Nationalratswahlen 2011 gut gewählten Listenverbindungen zu verdanken (vgl. NZZ-Artikel).

Aus Sicht der Wähler/innen ist diesbezüglich auch Skepsis angebracht. Ob glp-Wähler/innen im Berner Oberland wirklich gedient ist, dass mit ihrer Stimme allenfalls die EDU unterstützt wird, ist mehr als fraglich. Das Gleiche gilt natürlich auch im umgekehrten Fall für EDU-Wähler/innen.

Es drängt sich die Frage auf, ob Listenverbindungen nicht ganz abgeschafft werden sollten. Allerdings sprechen einige Gründe für deren Beibehaltung. So erlauben sie es den Parteien, mehrere Listen für Frauen, Männer, Junge, Senioren oder nach räumlichen Kriterien getrennt aufzustellen, ohne das Risiko von Sitzverlusten einzugehen. Dies führt zu einem breiter abgestützten Feld an Kandidierenden und somit zu einem verbesserten Angebot zuhanden der Wähler/innen.

Darüber hinaus stellen Listenverbindungen ein Korrektiv dar: In den meisten Kantonen (auch im Kanton Bern) wird das sogenannte Hagenbach-Bischoff-Verfahren zur Stimmenzählung verwendet. Dieses bevorteilt die grösseren Parteien. Listenverbindungen können bis zu einem gewissen Grad diese Benachteiligung kleinerer Parteien kompensieren. Aus Wählersicht wäre es allerdings besser, wenn dieser Zweck nicht alle Mittel heiligen würde.

In den meisten Fällen, in denen die Listenverbindungen abgeschafft worden sind, geschah dies denn auch im Rahmen einer generellen Anpassung des Wahlsystems, bei der die Benachteiligung kleinerer Parteien durch andere Massnahmen aufgehoben worden ist (Anpassung der Zählverfahren, der Wahlkreiseinteilung etc.).

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