Viele Köche verbessern den Brei: Wie der smartvote-Fragebogen entsteht

Der Fragebogen bildet das eigentliche Kernstück von smartvote. Nicht nur die bekannten smartspider- und smartmap-Visualisierungen, sondern auch die Wahlempfehlung an sich beruhen auf den Antworten zum smartvote-Fragebogen. Für die Qualität von smartvote ist der Fragebogen daher von herausragender Bedeutung.

In diesem Beitrag möchten wir in einer Art Werkstattbericht aufzeigen, wie der Fragebogen entsteht und welche Rezepte und Zutaten dabei Anwendung finden. Leider gibt es in den Sozialwissenschaften keinen Königsweg, keine magische Rezeptur für einen gelungenen Fragebogen. Anders als in der modernen Küche, wo der Reis niemals klebt und die Bratensauce keine Klümpchen bildet, besteht bei der Entwicklung eines Fragebogens stets das Risiko auf das eine oder andere faule Ei unter den ausgewählten Fragen.

Um einen ausgewogenen Fragebogen mit möglichst wenig faulen Eiern zu erhalten, helfen die folgenden Zutaten: eine grosse Portion sorgfältige Vorbereitung, ein Schuss Sachverstand, reichlich Erfahrung und auch eine Prise Glück. Eine Garantie für gutes Gelingen gibt es aber auch so nicht.

Der Entstehungsprozess eines smartvote-Fragebogens durchläuft sechs Phasen, die wir am Beispiel der National- und Ständeratswahlen aufzeigen möchten:

1. Sammlung von Ideen und Vorschlägen

Die Arbeiten beginnen rund ein Jahr vor den Wahlen mit dem Sammeln von Ideen und Vorschlägen. In dieser Phase wird der Fächer weit geöffnet: Grundsätzlich ist jedermann eingeladen, uns Vorschläge zukommen zu lassen. Dies gilt auch für Parteien, Interessengruppen und Verbände. Es gilt jedoch das eiserne Prinzip, dass niemand einen Anspruch auf die Berücksichtigung eines Vorschlages zugesprochen bekommt (und auch niemand ein Veto-Recht, um eine Frage zu verhindern). Regelmässig erhalten wir auch Fragen von engagierten Bürgerinnen und Bürgern.

Wichtig sind ferner die Medien, mit denen wir Partnerschaften eingehen und deren Journalisten ebenfalls Fragen und Themen vorschlagen. Und schliesslich ist auch das smartvote-Team nicht ganz untätig und sammelt intensiv eigene Ideen. Dabei werden Medienberichte durchforstet, aber auch Debatten, Abstimmungen und Vorstösse im Parlament liefern oft mögliche Fragen. Ebenfalls wichtig sind eingereichte oder sich im Sammlungsstadium befindliche Volksinitiativen sowie anstehende Gesetzgebungsvorlagen des Bundesrates.

Um den Einschluss der breiten Öffentlichkeit zu gewährleisten, arbeiten wir seit einigen Monaten mit dem Projekt easyvote zusammen mit dem Ziel, die Auswahl der Fragen stärker auf die Bedürfnisse von jungen Wähler/innen auszurichten. Zudem gehen auch unsere Medienpartner vermehrt dazu über, ihre Leser/innen aufzurufen, eigene Fragevorschläge als sogenannte „Bürgerfragen“ einzureichen.

Für die eidgnössischen Wahlen 2015 bestand bis Ende Januar die Möglichkeit Ideen und Vorschläge für den smartvote-Fragebogen direkt über eine Online-Umfrage einzureichen. Eine Möglichkeit von der rund 400 Benutzer/innen Gebrauch gemacht haben.

Am Ende dieser ersten Phase steht in der Regel eine Liste mit 150 bis 200 Fragen. Diese gilt es nun im weiteren Verlauf massiv zu kürzen.

2. Thematische Eingrenzung – eine erste Selektionsrunde

Der schmerzhafteste Teil der Arbeit besteht in der zweiten Phase, bei der es um die Selektion derjenigen Fragen geht, die in den Fragebogen aufgenommen werden. Bei nationalen Wahlen umfasst der smartvote-Fragebogen bis zu 75 Fragen. Obschon dies sehr viel ist, müssen mehr als die Hälfte der gesammelten Fragevorschläge aussortiert werden. Harte Kriterien, welche den Auswahlprozess verbindlich steuern würden, gibt es nicht. Seit ersten Fragebogenentwicklung im Jahr 2003 haben sich die folgenden Leitlinien herausgebildet und bewährt:

  • Bedeutung eines Themas für die aktuelle oder zukünftige Politik (z.B. Themen, welche die Regierung demnächst ins Parlament bringen wird oder Gegenstand einer hängigen Volksinitiative bilden)
  • Bedeutung eines Themas für die Bevölkerung (z.B. die Beurteilung anhand der Resultate des jährlich erhobenen Sorgenbarometers)
  • Eignung des Themas für die Erstellung aussagekräftiger politischer Profile wie z.B. die smartspider-Grafiken
  • Thematische Ausgewogenheit des Fragebogens (wichtige Themen sollen vertreten, aber kein Thema übervertreten sein)

Am Ende dieser Phase haben wir die Anzahl der Fragen schon deutlich reduziert. In der Regel ist der Fragebogen aber immer noch zu lang, so dass meist 10-20 Fragen in einer weiteren Selektionsrunde aussortiert werden müssen.

3. Festlegen der konkreten Formulierungen

Vor der Bestimmung der endgültigen Auswahl lassen wir das bisherige Ergebnis erst einmal etwas setzen und wenden uns den konkreten Fragenformulierungen zu. Dabei gilt es drei Anforderungen an die Formulierungen zu erfüllen: Der Text soll neutral, eindeutig und allgemeinverständlich formuliert sein.

Dabei geht es nicht nur um die Vermeidung von Suggestivfragen und politischen Wertungen. Wir verzichten soweit als möglich auch auf Fragen, welche voneinander unabhängige Themen in einer einzigen Frage vereinen (Ausnahme bilden dabei Volksinitiativen, die – was relativ häufig geschieht – mehrere Themen gleichzeitig ansprechen, wie z.B. jüngst bei der Ecopop- oder der Erbschaftssteuer-Initiative ). Zudem gilt es gerade bei komplexeren Sachfragen, welche wir im smartvote-Fragebogen ganz bewusst nicht scheuen, Formulierungen zu finden, die inhaltlich präzis aber dennoch in einfachen Worten verfasst sind.

4. Kurzer Pre-Test

Nun verfügen wir über einen sorgfältig ausforumulierten Fragebogen, der allerdings immer noch zu viele Fragen enthält. Um die auszusortierenden Fragen zu bestimmen und im Sinne einer Qualitätskontrolle wird der Fragebogen einem Pre-Test unterzogen. Er wird rund zwei Dutzend Personen vorgelegt, damit diese ihre persönliche Einschätzung bezüglich Auswahl und Formulierung der Fragen abgeben. Bei diesen Personen handelt es sich um Politikwissenschaftler, Lokalpolitiker/innen, Journalisten aber auch ganz normale Bürger/innen, die oft nicht besonders viel mit Politik am Hut haben. Diese Rückmeldungen dienen uns dazu, sachliche Fehler, unverständliche Formulierungen oder eine allfällige thematische Unausgewogenheit zu eliminieren und Hinweise darauf zu erhalten, welche der überschüssigen Fragen am ehesten gestrichen werden können.

Diese Phase wird rund sechs Monate vor den Wahlen mit der Zusammenstellung des definitiven Fragebogens abgeschlossen. Der Fragebogen wird dann kurz vor der Aufschaltung des Kandidatenportals von smartvote den Parteien zugestellt. Dies sehen wir einerseits als vertrauensbildende Massnahme. Andererseits können auf diesem Weg allerletzte Fehler in den Fragenformulierungen rechtzeitig entdeckt und korrigiert werden.

5. Verfassen der Erläuterungstexte

Jetzt – teilweise auch schon parallel zu den vorangehenden Phasen – beginnt die Arbeit an den Erläuterungstexten. Diese sollen für die smartvote-Nutzer/innen die Hintergründe der Fragestellung erhellen und mögliche Unklarheiten ausräumen. Selbstverständlich gelten auch für diese Texte dieselben Kriterien wie bei den Fragenformulierungen bezüglich politischer Neutralität oder der Verwendung einer möglichst einfachen Sprache.

6. Übersetzung in fünf Sprachen

Im letzten Arbeitsabschnitt folgt die Übersetzung des Fragebogens sowie der Erläuterungen. Bei eidgenössischen Wahlen wird smartvote in fünf Sprachen angeboten: Deutsch, Französisch, Italienisch, Rätoromanisch und Englisch.

Aus dieser Darstellung geht klar hervor: Der Weg zum fertigen smartvote-Fragebogen ist ein ziemlich langer. Er ist arbeitsintensiv, zeitraubend und daher auch kostspielig. Anlässlich der Wahlen 2011 nahm die Entwicklung des Fragebogens insgesamt mehr als 1’400 Arbeitsstunden in Anspruch und allein die Übersetzungen kosteten rund 30’000 CHF.

Doch die Arbeit zahlt sich aus. Dies sehen wir an den positiven Reaktionen der smartvote-Nutzer/innen (sowohl Wähler/innen als auch Kandidierende), von Medienpartnern sowie an der Anerkennung durch die Wissenschaft. Allerdings hat Qualität auch ihren Preis, den unsere Medienpartner und die Parteien zu zahlen bereit sein müssen. Bei der Zubereitung des smartvote-Fragebogens gilt zumindest eines nicht: dass viele Köche den Brei verderben würden.

2 Gedanken zu „Viele Köche verbessern den Brei: Wie der smartvote-Fragebogen entsteht

  1. Ich hätte folgende Frage an die Politiker/innen:
    Im Nebelspalter 12/2014 wird die Menschengruppe Politiker als statistisch gesehen grösste Lügnergruppe der Menschheit betitelt. Diese Aussage kann/muss ich leider, nach bald 50 Jahren eigenen Erfahrungen nicht wiedersprechen. Wieso müssen Sie Lügen und können nicht einfach die Wahrheit sagen?

  2. Grüezi ans smartvote team

    Schön zu wissen, dass es Euch, und damit eine „neutrale“ Politinfos immer noch gibt. Ich hoffe Ihr werdet rechtzeitig auf die nächsten Parlamentswahlen in der breiten Öffenlichkeit wieder bekannter.

    Viele wichtiger als Fragebögen, welche dann mit „politsch schöngefärbten Aussagen“ beantwortet (und dann doch nicht umgesetzt) werden, erachte ich eine einfach zugängliche, aktuelle und übersichtiliche Darstellung der Interessenverflechtungen unserer Partikularinteressenvertreter (=Politiker).
    Bei den letzten Parlamentswahlen hat smartvote diesbezüglich leider kläglich versagt (Die meisten Profile waren leer).

    Selbstverständlich sollten diese Verflechtungen (VR-Sitze etc) irgendwo auf http://www.admin.ch einsehbar sein. Wäre jedoch schön wenn ich bei den nächsten Wahlen auf Smartvote wie folgt vorgehen könnte.

    1) Filtern nach Kanton
    2) Rangieren nach politischen Präferenzen (Spider-Übereinstimmung)
    3) Manuelles Rausfiltern unerwünschter Partikularinteressen (zB Krankenkassen- oder Landwirtschaftsvertreter,…)
    4) Wählen (… sofern dann noch jemand übrig bleibt)

    Ich hoffe also smartvote macht sich den Effort ungenügend deklarierte Interessenverflechtungen aus öffenlichen Quellen zu ergänzen.

    Toi, toi und danke um Euren Einsatz für eine „faire und geldneutrale“ Demokratie.

    Gruess
    Ein politisch zwar sehr Interessierter, aber aufgrund der allgemeinen Datensammelwut bevorzugt Anonymer Innerschweizer.

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