Der grüne Plan scheitert an der Parlamentsrealität

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Das Parlament hat nach den Wahlen 2019 die Arbeit wieder aufgenommen. Standen kurz nach der Wahl noch die Siegerinnen und Sieger der Grünen und der GLP im Fokus, hat die Parlamentsrealität inzwischen deutlich gezeigt, dass sich die «grüne Welle» auf die Mehrheitsbildung in den beiden Räten bloss in abgeschwächter Form auswirkt. Die entscheidenden Stimmen müssen nach wie vor in der breiten und im Nationalrat zudem parteipolitisch zersplitterten Mitte geholt werden.

Dies lässt sich an unserer Analyse der Links-rechts-Positionen der gewählten Parlamentsmitglieder gut erkennen. Als Basis dienten uns die smartvote-Antworten von 233 der 246 gewählten Nationalrats- und Ständeratsmitglieder, welche den smartvote-Fragebogen ausgefüllt haben. Mittels Multidimensionaler Skalierung (MDS) haben wir die Positionen auf einer einzigen Dimension, der Links-rechts-Achse, berechnet und eingezeichnet. Wichtig für das Verständnis der Resultate ist, dass wir keine vorgängige Zuteilung der Fragen vorgenommen haben. Die Positionierung erfolgt allein aufgrund der Ähnlichkeit bzw. Unähnlichkeit der Antwortprofile der Parlamentsmitglieder.

In den abgebildeten Grafiken – getrennt nach National- und Ständerat – bedeutet jeder Punkt ein Parlamentsmitglied, das den smartvote-Fragebogen ausgefüllt hat. Insgesamt zeigt sich ein recht stimmiges Gesamtbild: SP und Grüne bilden – kaum unterscheidbar voneinander – den linken Block, während die SVP das rechte Feld fast ganz allein besetzt. (abgesehen von ein paar FDP-Rechtsauslegern). Dazwischen befinden sich links der Mitte die GLP, EVP und der linke Rand von CVP und FDP sowie in der Mitte und Mitte-rechts das Gros der CVP- und FDP-Mitglieder. 

Nationalrat
Ständerat

Auffallend ist, dass ein grosser Teil der CVP-Fraktion (zumindest in der eindimensionalen Links-rechts-Betrachtung) sehr ähnlich positioniert ist als der Grossteil der FDP – und dass diese Positionen sich rechts der Mitte befinden. Im Ständerat zeigt sich dies noch deutlicher als im Nationalrat. Dies bedeutet, dass es für die Ratslinke – grüne Welle hin oder her – alles andere als einfach sein dürfte, eine geschlossene CVP für ihre Anliegen zu gewinnen. Die Verantwortung für die politische Richtung der nächsten vier Jahre liegt auf den Schultern der GLP sowie der neuen Mittefraktion aus CVP, BDP und EVP.

«Fun Fact» am Rande: Die in beiden Kammern am weitesten rechts stehenden Parlamentarier stammen aus dem Kanton Bern: Erich Hess und Werner Salzmann (beide SVP). Die am weitesten links stehenden Mitglieder stammen beide aus dem Kanton Genf: Delphine Klopfenstein und Lisa Mazzone (beide Grüne). (Die vollständige Liste aller National- und Ständeratsmitglieder der Wintersession 2019 findet sich unten.)

Darüber hinaus zeigt sich auch, weshalb bei der vergangenen Bundesratswahl ein Teil der SVP-Fraktion den St.Galler FDP-Mann Marcel Dobler anstelle von Bundesrätin Keller-Sutter unterstützt hat: Dobler ist das am weitesten rechts positionierte Mitglied der FDP.

Links-rechts-Position im Nationalrat (MDS-Analyse smartvote-Fragebogen 2019)

Fehlende Ratsmitglieder, da sie den smartvote-Fragebogen nicht ausgefüllt haben:

  • NR Thomas Aeschi (SVP/ZG)
  • NR Fédéric Borloz (FDP/VD)
  • NR Roland Rino Büchel (SVP/SG)
  • NR Jacqueline de Quattro (FDP/VD)
  • NR Olivier Feller (FDP/VD)
  • NR Peter Keller (SVP/NW)
  • NR Roger Köppel (SVP/ZH)
  • NR Magdalena Martullo-Blocher (SVP/GR)
  • NR Isabelle Moret (FDP/VD)
  • NR Gerhard Pfister (CVP/ZG)
  • NR Bruno Storni (SP/TI)
  • NR Mauro Tuena (SVP/ZH)
  • NR David Zuberbühler (SVP/AR)
Links-rechts-Position im Ständerat (MDS-Analyse smartvote-Fragebogen 2019)

Es fehlt SR Daniel Fässler (CVP/AI), der bereits im Frühling 2019 an der Landsgemeinde gewählt wurde.

smartvote-Antworten und Parlamentsabstimmungen: Keine Frage der Ehrlichkeit

Ein Analysewunsch wird von den smartvote-Nutzer/innen besonders oft geäussert: Wir sollen die smartvote-Antworten der gewählten Parlamentarier/innen mit dem tatsächlichen Stimmverhalten im Parlament vergleichen. Was bedeuten solchen Analysen?

Tatsächlich haben wir Auswertungen dieser Art bereits mehrfach vorgenommen. Erstmals im Rahmen einer wissenschaftlichen Publikation[1], welche auch in der Presse Widerhall fand. Ein erstes Update für «20 Minuten» folgte Anfang 2013.

Durchschnittlich in rund 80 Prozent der Fälle stimmt das Stimmverhalten im Parlament mit den smartvote-Antworten überein.

Alle Auswertungen kamen zu sehr ähnlichen Resultaten: Durchschnittlich in rund 80 Prozent der Fälle stimmt das Stimmverhalten im Parlament mit den smartvote-Antworten überein. Selbstverständlich sind Unterschiede zwischen einzelnen Parlamentsmitgliedern festzustellen. Es kommt beispielsweise darauf an, welcher Partei man angehört und ob man als Neuling ins Parlament eingezogen ist. Neu gewählte Parlamentarier/innen und solche, welche vor der Wahl für ihre Partei eher unübliche Antworten gegeben haben, müssen nach der Wahl ihre Positionen häufiger der Fraktionsmehrheit anpassen. Zudem sind die Parteien aus dem politischen Zentrum häufig kompromissbereiter als diejenigen an den Polen.

Diese Resultate wurden in den Medien sehr unterschiedlich dargestellt und interpretiert. Insbesondere  der „20 Minuten“-Beitrag von 2013 hat viel Staub aufgewirbelt, da er zwischen „ehrlichen“ und „unehrlichen“ Politiker/innen unterschieden hat. Auf die damalige Titelgebung hatten wir keinen Einfluss. Immerhin konnten wir unsere Sichtweise in einem nachträglichen Interview klar machen.

Diejenigen Parlamentarier/innen, welche am Ende rangieren, sind nicht per se schlechtere Politiker/innen als diejenigen zuoberst auf der Liste.

Mit «Ehrlichkeit» oder «Unehrlichkeit» im Sinne von Wahrheit und Lüge hat die Analyse nämlich kaum etwas zu tun. Diejenigen Parlamentarier/innen, welche am Ende rangieren, sind nicht per se schlechtere Politiker/innen als diejenigen zuoberst auf der Liste.

Folgende Punkte sind uns wichtig, wenn es um den Vergleich von smartvote-Antworten mit dem parlamentarischen Stimmverhalten geht:

  • Solche Auswertungen ziehen lediglich eine beschränkte thematische Auswahl in Betracht und nicht alle 75 Fragen des Fragebogens. Aufgrund der eher geringen Zahl von Abstimmungen dürfen die Ergebnisse nicht überbewertet werden.
  • Das allgemeine Übereinstimmungs-Niveau ist relativ hoch. Viele der Parlamentarier/innen selbst auf den hinteren Rängen haben eine geringe Zahl wirklich grosse Abweichungen zu verzeichnen, was uns alles andere als dramatisch erscheint.
  • Die Parlamentarier/innen können meist gute Gründe für die Abweichungen nennen. Manchmal wechseln Politiker/innen aus Loyalität zur eigenen Partei die Meinung (einheitliche Parteilinie), manchmal verzichten sie im Sinne einer lösungsorientierten, weniger ideologisch geprägten Politik auf die Durchsetzung ihrer Maximalforderungen. Das sind wichtige Qualitäten von Politiker/innen (und von Menschen ganz generell).
  • Antworten bei smartvote stellen nur Momentaufnahmen dar. Politiker/innen wie wir alle sind nicht unabhängig von sich ändernden Umständen. Man lernt neue Fakten kennen und verändert mit der Zeit seinen Blickwinkel. Dies kann zu Meinungsänderungen führen und ist — wenn schlüssige Gründe vorliegen — auch nicht verwerflich.
  • Weiter hinten rangierte Nationalratsmitglieder stammen zudem häufig aus Parteien mit Kandidierenden, deren Interessen und Themenschwerpunkte eher breit gestreut sind. In diesen Fällen sind nach der Wahl auch häufigere Meinungsumschwünge im Parlament zu erwarten, wenn es in der Diskussion im Fraktionsrahmen darum geht, gegen aussen ein einigermassen geeintes Bild zu vermitteln.

Dennoch sollte ein Entscheid, ob ein gewähltes Parlamentsmitglied den Job gut oder schlecht macht, keinesfalls allein auf Grund der Platzierung in diesem Vergleich gefällt werden.

Die Überprüfung von Wahlversprechen ist eine wichtige Information für die Wähler/innen. Dennoch sollte ein Entscheid, ob ein gewähltes Parlamentsmitglied den Job gut oder schlecht macht, keinesfalls allein auf Grund der Platzierung in diesem Vergleich gefällt werden. Grundsätzlich erachten wir — auch auf Grund der Auswertung — unsere Politiker/innen als sehr vertrauenswürdig.


[1]     Schwarz, Daniel, Lisa Schädel und Andreas Ladner (2010): Pre-Election Positions and Voting Behaviour in Parliament: Consistency among Swiss MPs. Schweizerische Zeitschrift für Politikwissenschaft (SPSR) 16(3): 533-564.


Politische Positionen im Zeitvergleich: ein „moving target“

Wann immer man die zeitliche Entwicklung von Parteipositionen analysiert, lassen die Reaktionen nicht lange auf sich warten. So auch bei unserer Auswertung im Vorfeld der Wahlen 2015, als wir die Veränderung der Parteipositionen auf der Links-rechts-Dimension seit 2007 dargestellt haben. Doch bestätigt eine zweite Analyse unsere Ergebnisse.

Die Reaktionen beziehen sich oft auf methodische Fragen. Konkret geht es darum, ob man mit einer Erhebung von Daten zu drei verschiedenen Zeitpunkten (Nationalratswahlen 2007, 2011 und 2015) einen Rückschluss auf reale Positionsverschiebungen der Parteien ziehen kann. Der Einwand zielt auf den Umstand, dass sich auch der politische Kontext laufend verändert. Die politischen Positionierungen gleichen somit einem “moving target”, wodurch es schwierig wird zu beurteilen, ob ein beobachteter Meinungswechsel (Antworten auf smartvote-Fragen) durch Verschiebungen im politischen Kontext oder durch tatsächliche Veränderungen der persönlichen bzw. von der Partei vorgegebenen Haltung hervorgerufen wird.

Dazu ein fiktives Beispiel: Ein Kandidat beurteilt im Jahr 2007 das Steuerniveau als zu hoch und spricht sich entsprechend für Steuersenkungen aus. Im Jahr 2015 spricht er sich jedoch gegen Steuersenkungen aus. Daraus kann noch nicht automatisch auf einen Positionswechsel geschlossen werden. Es könnte sein, dass zwischen 2007 und 2015 die Steuern tatsächlich gesenkt worden sind und dass der Kandidat sein Ziel von 2007 inzwischen erreicht sieht, aber weitere Steuersenkungen ablehnt. Dieser Kandidat hat somit trotz unterschiedlicher Antworten auf die Frage nach Steuersenkungen stets die gleiche Position vertreten.

Eine berechtigte Kritik mit Bedingungen

Der methodische Einwand ist berechtigt – zumindest in der Theorie. Doch bedingt er, dass erstens ein spürbarer Politikwechsel tatsächlich stattgefunden hat. Zweitens können sich Politikwechsel in verschiedenen Fragen, welche in unterschiedliche Richtungen (mal eher nach rechts, mal nach links) verlaufen sind, in der Analyse auch gegenseitig neutralisieren. Und drittens spielen Kontextänderungen insbesondere bei den Parteien an den politischen Polen eine eher geringe Rolle: Je stärker der ideologische Einfluss auf eine Position ist, umso weniger wichtig werden Veränderungen des politischen Kontexts.

Zudem gilt es zu beachten, dass nicht jede Kontextänderung sogleich methodische Probleme verursacht. Wenn beispielsweise zwischen 2007 und 2015 die Jugendkriminalität stark zugenommen hätte und daher einige Kandidierende bezüglich einer Verschärfung des Jugendstrafrechts von einer ablehnenden zu einer befürwortenden Haltung gewechselt wären, dann kann man durchaus von einer realen Positionsveränderung ausgehen (in diesem Falle Richtung “rechts” auf der Links-rechts-Achse).

Um sicher zu gehen, haben wir unsere Analyse mit einer engeren Auswahl der in die Auswertung einfliessenden smartvote-Fragen repliziert

Wir könnten es uns einfach machen und lediglich im Kleingedruckten unserer Analyse die Annahme formulieren, dass sie unter der Bedingung gilt, dass sich der politische Kontext in den letzten acht Jahren nicht wesentlich bewegt hat. Dieses Vorgehen wäre kaum kühner als das, was man sonst so in wissenschaftlichen Publikationen an versteckten und offenen Annahmen vorfindet.

Um sicher zu gehen, haben wir unsere Analyse mit einer engeren Auswahl der in die Auswertung einfliessenden smartvote-Fragen repliziert. In der ursprünglichen Variante haben wir uns auf 23 Fragen abgestützt, die von smartvote bei den Wahlen 2007, 2011 und 2015 in vergleichbarer Form gestellt worden sind. Nach Streichung aller Fragen, bei welchen substanzielle Veränderungen des politischen Kontextes zumindest nicht auszuschliessen sind, verbleiben für unsere Neuauswertung die folgenden elf Fragen:

  1. Befürworten Sie eine Erhöhung des Rentenalters für Frauen und Männer (z.B. auf 67 Jahre)? (Keine Veränderung des Status quo 2007-2015)
  2. Würden Sie es befürworten, wenn für Ausländer/innen, die seit mindestens zehn Jahren in der Schweiz leben, gesamtschweizerisch das Stimm- und Wahlrecht auf Gemeindeebene eingeführt würde? (Keine Veränderung des Status quo 2007-2015)
  3. Sollte der Status von Sans-Papiers durch eine einmalige kollektive Erteilung von Aufenthaltsbewilligungen legalisiert werden? (Keine Veränderung des Status quo 2007-2015)
  4. Sollen gleichgeschlechtliche Paare, die in eingetragener Partnerschaft leben, Kinder adoptieren dürfen? (Keine Veränderung des Status quo 2007-2015)
  5. Würden Sie es befürworten, wenn in der Schweiz die direkte aktive Sterbehilfe durch einen Arzt straffrei möglich wäre? (Keine Veränderung des Status quo 2007-2015)
  6. Eine Volksinitiative fordert, dass die Gesamtfläche der Bauzonen in der Schweiz auf dem heutigen Stand begrenzt wird. Befürworten Sie dieses Anliegen? (Keine Veränderung des Status quo 2007-2015)
  7. Sollen die Befugnisse der Sicherheitsbehörden zur präventiven Überwachung des Post-, Telefon- und E-Mail-Verkehrs ausgeweitet werden? (Keine Veränderung des Status quo 2007-2015 (Revision in Herbstsession beschlossen, noch nicht in Kraft)
  8. Soll die Schweiz innerhalb der nächsten vier Jahre EU-Beitrittsverhandlungen aufnehmen? (Keine Veränderung des Status quo 2007-2015)
  9. Bundesbudget Landesverteidigung (Keine namhafte Veränderung zw. 2007 und 2015 (2007: 4’500 Mio. CHF / 2015: 4’700 Mio CHF, nicht teuerungsbereinigt))
  10. Bundesbudget Strassenverkehr (Keine namhafte Veränderung zw. 2007 und 2015 (2007: 2’700 Mio. CHF / 2015: 3’100 Mio CHF, nicht teuerungsbereinigt))
  11. Bundesbudget Landwirtschaft (Keine namhafte Veränderung zw. 2007 und 2015 (2007: 3’800 Mio. CHF / 2015: 3‘700 Mio CHF, nicht teuerungsbereinigt))

Eine zweite Analyse mit beständigen Ergebnissen

Wir haben mit diesen Fragen dieselbe Analyse (zur Methode vgl. hier ) erneut durchgeführt und kommen zu demselben Trend wie in der ursprünglichen Analyse: die bürgerlichen Parteien haben sich zwischen 2007 und 2015 nach rechts bewegt, die Linke hat ihre Position mehr oder weniger gehalten. Somit hat auch die politische Polarisierung im Kandidatenfeld zugenommen. (Die Parteiwerte sind ganz am Ende dieses Beitrags tabellarisch aufgeführt.)

Daher sprechen wir im erwähnten Artikel des Tages-Anzeigers bloss von einer “Tendenz”, wohl wissend, dass Aussagen über absolute Veränderungen kaum möglich sind

Wir behaupten nicht, dass Parteipositionen mit naturwissenschaftlicher Präzision gemessen werden können. Erst recht nicht, wenn man Zeitvergleiche anstellt. Möglicherweise wird in unserer Analyse auch die eine oder andere Entwicklung etwas überzeichnet und würde – hätte man mehr Fragen und genauere Angaben zum politischen Kontext zur Verfügung – relativiert. Daher sprechen wir im erwähnten Artikel des Tages-Anzeigers bloss von einer “Tendenz”, wohl wissend, dass Aussagen über absolute Veränderungen kaum möglich sind.

Hinweis zur Tabelle: Je höher der Positionswert, desto weiter rechts steht eine Partei

  Wahljahr Anzahl
Kand.
L-R-Position (Mittelwert) L-R-Position (Median) Standard-abweichung
SP 2007 258 -1 .00 -1.09 0.40
Grüne 2007 257 -0.93 -1.00 0.42
glp 2007 68 -0.17 -0.32 0.67
EVP 2007 243 -0.12 -0.11 0.44
CVP 2007 240 0.42 0.42 0.63
FDP 2007 244 0.76 0.81 0.65
SVP 2007 220 1.46 1.58 0.83
           
Grüne 2011 255 -0.97 -1.06 0.30
SP 2011 232 -0.96 -1.00 0.26
glp 2011 197 -0.18 -0.22 0.31
EVP 2011 197 -0.11 -0.15 0.44
CVP 2011 236 0.55 0.52 0.59
BDP 2011 117 0.66 0.66 0.51
FDP 2011 232 1.05 1.03 0.54
SVP 2011 201 1.76 1.80 0.52
           
Grüne 2015 213 -1.01 -1.09 0.25
SP 2015 269 -0.92 -0.99 0.32
glp 2015 231 -0.04 -0.06 0.32
EVP 2015 127 -0.02 -0.04 0.48
BDP 2015 130 0.59 0.54 0.43
CVP 2015 243 0.64 0.63 0.54
FDP 2015 245 1.11 1.13 0.54
SVP 2015 222 1.73 1.80 0.50

Die smartmap: Was hinter der politischen Landkarte steckt

Die von uns angewandte smartmap-Auswertung, welche die Kandidierenden bzw. die Parteien auf einer zweidimensionalen politischen Landkarte verortet, ist sicher nicht die einzig mögliche und schon gar nicht die einzig richtige Darstellungsweise. Zentral ist jedoch, dass unsere Methode einen explorativen, ergebnisoffenen Ansatz verfolgt und nicht von vornherein vorgibt, was links, rechts, konservativ oder liberal zu sein hat. Am Beispiel der smartmap für die National- und Ständeratswahlen 2015 zeigen wir, dass die smartmap-Auswertung insgesamt stimmige Positionierungen im politischen Raum und somit ein gutes Abbild des schweizerischen Parteiensystems insgesamt erzeugt.

Zu Beginn gleich eine Klarstellung: Der Hauptzweck von smartvote liegt in der Wahlhilfe-Funktion, also im Beantworten der einzelnen smartvote-Fragen mit der anschliessenden Berechnung der persönlichen Wahlempfehlung (Übereinstimmungswerte mit den Kandidierenden). Datenvisualisierungen wie der smartspider oder die smartmap werden – trotz der medialen Aufmerksamkeit, die sie erhalten – lediglich als Ergänzungen angeboten. Es handelt sich also um optisch attraktive „Spin-offs“ der smartvote-Wahlempfehlung. Wie fast alle grafischen Darstellungen stellen sie eine starke Vereinfachung der Realität dar. Sie sollen die Komplexität der zugrunde liegenden smartvote-Daten auf das Wesentliche reduzieren.

Viele Optionen, aber kein Königsweg

Nun konkret zur smartmap-Darstellung: Es besteht eine ganze Reihe von Möglichkeiten, wie man die smartvote-Antworten der Kandidierenden auf zwei Dimensionen reduzieren und somit als eine Art politische Landkarte darstellen kann. Sämtliche Optionen haben ihre Vor- und Nachteile – und zwar nicht nur in methodischer Hinsicht, sondern auch bezüglich der technischen Umsetzung oder einer guten Verständlichkeit für die politisch interessierte Öffentlichkeit.

Daher gibt es keine einzig richtige Berechnungs- und Darstellungsart. Auch führen die verschiedenen möglichen Methoden zu unterschiedlichen Resultaten, ohne dass man diese von Vornherein als richtig oder falsch beurteilen kann.

Bezüglich der smartmap haben wir schon immer einen relativ pragmatischen Ansatz gewählt. So wurde nach den Wahlen 2007 die Berechnungsmethode der smartmap evaluiert und anschliessend auf die heute verwendete Methodik umgestellt. Die smartmap soll den Wähler/innen einen Mehrwert bieten, indem sie die Ähnlichkeit der politischen Profile der einzelnen Kandidierenden bzw. Parteien visualisiert. Es soll lediglich gezeigt werden, welche Kandidierenden bzw. Parteien sich politisch nahe stehen und wer weit entfernt liegende Positionen einnimmt.

Wie wird die smartmap berechnet?

Die smartmap wird seit 2011 auf der Basis der sogenannten Korrespondenzanalyse berechnet. Die methodischen Details werden auf der smartvote-Website transparent gemacht und klar kommuniziert. Zusätzlich wird direkt bei der Online-Grafik eine kurze Lesehilfe angeboten.

Wir wenden eine strikt explorativ ausgerichtete Vorgehensweise an. Wir geben nicht vor, welche Antworten links oder rechts, liberal oder konservativ sein sollen. Unser Ausgangspunkt ist weder das, was in politikwissenschaftlichen Lehrbüchern zum Teil als links oder rechts, liberal oder konservativ definiert wird, noch das, was wir selbst als die „richtige“ Definition dieser Begriffe ansehen. Es handelt sich also um eine ergebnisoffene Herangehensweise. Somit entscheidet ein mathematischer Algorithmus über die Definition der beiden verwendeten Dimensionen[1] und damit auch über die Anordnung der Kandidierenden bzw. Parteien im politischen Raum.

Die Analyse verortet die Kandidierenden in einem zweidimensionalen politischen Raum. Allerdings fehlt noch die Benennung der beiden Dimensionen (Achsen). Die Korrespondenzanalyse liefert einzig die Bezeichnungen „Dimension 1“ und „Dimension 2“.

Wir haben uns entschieden, die dafür gängigen Begriffe “links”, “rechts”, “konservativ” und “liberal” zu verwenden. Zwar sind diese historisch «vorbelastet» und werden auch heute noch kontrovers diskutiert. Sie sind aber einer breiten Öffentlichkeit bekannt, was für ein Instrument wie smartvote, das sich nicht an ein wissenschaftliches Fachpublikum richtet, zentral ist. Die Bezeichnungen werden zwar oft kritisiert, allerdings fehlt es an besseren Alternativen.

Drei Kontrollschritte

Bevor die smartmap veröffentlicht wird, durchläuft sie eine dreistufige Kontrolle, um die Stimmigkeit der erzielten Ergebnisse abzuschätzen:

  1. Eine inhaltliche Analyse der statistischen Achsendefinitionen: Welche smartvote-Fragen tragen wie stark zur Bildung der beiden Dimensionen bei?
  2. Ein Vergleich der Ergebnisse der smartmap mit den Werten der acht Themenbereiche des smartspider-Profils: Wie stark ist der Zusammenhang zwischen den Positionen auf den beiden smartmap-Achsen und den smartspider-Werten?
  3. Die Durchführung derselben Analyse mittels der Multidimensionalen Skalierung (MDS) – einem ebenfalls explorativen Verfahren – und Vergleich mit den Ergebnissen der Korrespondenzanalyse.

smartmap-Resultat und inhaltliche Analyse der beiden Achsen

Die folgende Abbildung 1 zeigt eine smartmap-Analyse der National- und Ständeratswahlen 2015 und bietet kaum Überraschungen: Die rot-grüne Linke weist ein relativ homogenes Profil auf und bildet den – natürlich – linken Pol des Spektrums. Auffallend ist auch das ziemlich geeinte Profil der Grünliberalen (GLP; lindengrüne Punkte), welche zusammen mit der FDP (blau) den liberalen Pol der Karte bilden. Die GLP weist somit gemäss smartmap ein links-liberales, die FDP ein rechts-liberales Profil auf.

Einmal mehr zeigt sich die politische Nähe von CVP (orange) und BDP (gelb), welche gemeinsam das Zentrum der politischen Landkarte belegen. Weiter links und konservativer als CVP/BDP positionieren sich die Kandidierenden der EVP (türkis).

Die Kandidaten der SVP (dunkelgrün) und der EDU (violett) teilen sich zur Hauptsache die konservative Position auf der rechten Seite des Spektrums, wobei die EDU politisch ein Stück weiter links steht als die Volkspartei.

Abb. 1: Die smartmap-Postionskarte NR/SR-Wahlen 2015 © smartvote
Hinweis: Die Auswertung kann als interaktive Karte direkt bei smartvote abgerufen werden (sowohl für NR als auch für SR)

Soweit die parteipolitische Grosswetterlage. Die Frage ist nun, wie sich die beiden Dimensionen, welche wir nachträglich als “links-rechts” und “konservativ-liberal” identifiziert haben, inhaltlich zusammensetzen: Welche smartvote-Fragen tragen am stärksten zur Bildung dieser Achsen bei?

Zuerst werfen wir einen Blick auf die sogenannten Eigenwertanteile der berechneten Dimensionen (“principal inertias”). Diese stellen das Gewicht der berechneten Dimensionen dar. Es zeigt sich, dass die erste Dimension (was wir “links-rechts” nennen) mit grossem Abstand den grössten Teil der im Antwortdatensatz vorhandenen Gesamtstreuung aufnimmt. Was bedeutet, dass man mit dem bekannten Links-rechts-Schema schon sehr weit kommt, will man die parteipolitischen Positionen in der Schweiz erklären. Die zweite Dimension (“konservativ-liberal”) ist bereits deutlich schwächer (nur noch rund ¼ der ersten Dimension). Die weiteren Dimensionen sind praktisch vernachlässigbar.[2]

Principal inertias (eigenvalues):

dim value value % cumulative % scree plot cumulative %
1 0.226981 36.5 36.5  *************************  
2 0.057223 9.2 45.6  ******  
3 0.029089 4.7 50.3  ***  
4 0.022900 3.7 54.0  **  
5 0.015926 2.6 56.5  **  
6 0.013447 2.2 58.7  *  
7 0.011398 1.8 60.5  *  
8 0.010453 1.7 62.2  *  
9 0.009240 1.5 63.7  *  
10  0.008860 1.4 65.1  *  
etc.        

Interessant ist nun, welche smartvote-Fragen den stärksten Anteil an der Definition der beiden Dimensionen aufweisen. Denn dies gibt uns Hinweise, wie wir die beiden Dimensionen inhaltlich zu verstehen haben (und letztlich, ob die beiden Begriffspaare “links-rechts” und “konservativ-liberal” vertretbare Bezeichnungen darstellen).

Nachfolgend sind pro Achse die Fragen mit dem grössten Beitrag zur Definition aufgelistet (in Klammern ihr Gewicht, das sie auf die jeweilige Achse haben):

Stärkste Beiträge auf 1. Dimension (“links-rechts”)

  1. Bau Gotthard-Strassentunnel (2. Röhre) (4.0%)
  2. Steuersenkungen auf Bundesebene (3.7%)
  3. Verschärfung Jugendstrafrecht (3.7%)
  4. Ausbau Autobahnkapazitäten (3.4%)
  5. Unternehmenssteuerreform III (Einnahmen-Ausfälle) (3.3%)
  6. Abbau Kulturförderung des Bundesebene (3.2%)
  7. Personenkontrollen an Grenze (Schengen-Kündigung) (3.1%)
  8. Priorität Masseneinwanderungsinitiative vor Bilaterale (3.1%)
  9. Einführung Mindeslohn (3.0%)
  10. Anpassung Sozialhilfe-Richtlinien (2.8%)

Stärkste Beiträge auf 2. Dimension (“konservativ-liberal”)

  1. Personenkontrollen an Grenze (Schengen-Kündigung) (13.0%)
  2. Priorität Masseneinwanderungsinitiative vor Bilaterale (12.4%)
  3. Aufhebung Importerleichterungen für Lebensmittel (Cassis-de-Dijon) (7.7%)
  4. Strikte Auslegung der Neutralität (5.5%)
  5. Liberalisierung Geschäftsöffnungszeiten (4.2%)
  6. Werbeverbot für Alkohol und Tabak (3.4%)

Es zeigt sich, dass sich klassisch ökonomische Verteilungsfragen (Steuern, Mindestlohn, Sozialhilfe, auch die Kulturförderung, wenn man sie als Frage nach der Reduktion von Staatsausgaben versteht, sowie die MEI-Frage, wenn man das Gewicht auf die wirtschaftlichen Konsequenzen einer Kündigung der Bilateralen Verträge legt) mit Fragen zur Umwelt (Strassenbauvorlagen) und zur Sicherheit bzw. Einwanderung (Jugendstrafrecht, Grenzkontrollen, MEI-Frage) vermischen. Die geringen Abstände zwischen den prozentualen Beiträgen der Fragen zeigen, wie breit die Links-rechts-Achse inhaltlich aufgestellt ist, d.h. dass kein Thema diese Dimension klar dominiert. Dies ist auch als Hinweis darauf zu verstehen, dass die meisten Debatten in der Schweizer Politik einem Links-rechts-Gegensatz entlang verlaufen.

Einzelne smartvote-Fragen können zur Definition mehrerer Dimensionen beitragen. Dies zeigt sich an den beiden wichtigsten Komponenten der zweiten Dimension: verstärkte Grenzkontrollen und die Frage zur Priorität der Masseneinwanderungsinitiative spielen auch hier ein wichtige Rolle. Als weitere aussenpolitische Frage ist die Auslegung der Neutralität von grosser Bedeutung. Aber es sind eben auch wirtschaftliche Liberalisierungsfragen (Cassis-de-Dijon-Prinzip) und wirtschaftliche Liberalisierungsfragen mit gesellschaftlichem Bezug (Geschäftsöffnungszeiten, Werbeverbote für Genussmittel), welche den Gehalt dieser zweiten Dimension wesentlich mitbestimmen.

Somit kommen wir zum Schluss, dass die von uns gewählten Bezeichnungen der beiden smartmap-Achsen inhaltlich durchaus vertretbar sind. Uns ist aber auch klar, dass alternative Benennungen möglich wären und dass unsere Bezeichnungen nicht absolut frei von Widersprüchen sind – welche Analyse kann das schon von sich behaupten?

Vergleich der smartmap-Positionen mit den smartspider-Werten

Im Unterschied zur smartmap wird bei den acht Achsen der smartspider-Profile im Voraus bestimmt, welche Frage bei welcher Achse berücksichtigt wird. Die smartspider-Zuteilung basiert somit auch auf subjektiven Entscheiden unsererseits. Dies ist ein zentraler Unterschied zum Vorgehen bei der smartmap, die ohne subjektive Fragezuteilungen auskommt. Auch die Zuteilungen zu den smartspider-Achsen werden auf der smartvote-Website absolut transparent gemacht.

Mittels einer einfachen Korrelationsanalyse lässt sich bestimmen, inwiefern die beiden smartmap-Achsen und die acht smartspider-Achsen einen statistischen Zusammenhang aufweisen. Eine solche Analyse liefert weitere Hinweise darauf, wie die smartmap-Achsen inhaltlich zu interpretieren sind. Dies erlaubt eine etwas grundsätzlichere Sichtweise auf gesamte Politikfelder (im Gegensatz zur Betrachtung von Einzelfragen wie im vorangehenden Abschnitt).

Die nachfolgende Tabelle listet die Korrelationskoeffizienten auf. Der Koeffizient kann Werte von -1 (perfekt negativer Zusammenhang) bis +1 (perfekt positiver Zusammenhang) annehmen. Ein Wert von 0 bedeutet, dass kein Zusammenhang vorliegt. In der Tabelle sind die mittleren bis starken Zusammenhänge (Koeffizienten ab ±0.4) mit einem Stern (*) markiert.

Die Ergebnisse bestätigen die Erkenntnisse aus dem ersten Kontrollschritt: Die Links-rechts-Achse ist sehr breit definiert und beinhaltet starke Zusammenhänge über sämtliche Politikbereiche, ausgenommen die smartspider-Achsen “Liberale Gesellschaft” und – in geringerem Ausmass – “Offene Aussenpolitik”. Am stärksten korreliert sie mit einem ausgebauten Umweltschutz, einer restriktiven Migrationspolitik, einer restriktiven Finanzpolitik sowie einem ausgebauten Sozialstaat.

Die schwächere zweite smartmap-Achse weist zur offenen Aussenpolitik, zur liberalen Gesellschaft sowie zur liberalen Wirtschaftspolitik grössere Zusammenhänge auf. Wichtig scheint hier, dass sie zu Finanzfragen, zum Umweltschutz und zum Sozialstaat keinen oder nur einen sehr schwachen Zusammenhang aufweist. Denn diese Bereiche sind im allgemeinen Verständnis relativ klar dem Gegensatz zwischen links und rechts zuzuordnen.

Es zeigt sich also, dass die Ergebnisse der smartmap auch dann standhalten, wenn man sie zu den acht thematischen Dimensionen des smartspider-Profils in Bezug setzt.

Korrelation smartmap – smartspider (Korrelationskoeffizient Pearson’s r)

  1. Dimension (Rechts) 2. Dimension (Liberal)
Offene Aussenpolitik                 -0.674*          0.650*
Liberale Wirtschaftspolitik
0.786*           0.512*
Restriktive Finanzpolitik
0.886*           0.172
Law & Order                          0.786*           -0.420*
Restriktive Migrationspolitik 0.890*           -0.269
Ausgebauter Umweltschutz      -0.898*          -0.024
Ausgebauter Sozialstaat              -0.860*          -0.259
Liberale Gesellschaft                -0.205           0.612*

Vergleich mit den Resultaten gemäss Multidimensionaler Skalierung (MDS)

In einem letzten Kontrollschritt stellen wir die Resultate unserer Korrespondenzanalyse den Ergebnissen einer alternativen explorativen Methode gegenüber: der Multidimensionalen Skalierung (MDS). Die untenstehende Abbildung 2 zeigt die Analyse derselben smartvote-Daten mittels MDS. Auf den ersten Blick wird deutlich, wie ähnlich die Ergebnisse im Vergleich zu Korrespondenzanalyse (vgl. Abb. 1) ausfallen. Der Korrelationskoeffizient zwischen den Resultaten liegt denn auch bei r=0.991, für die zweite Dimension bei 0.964. Es liegen also beinahe perfekte Zusammenhänge vor. Dies als weitere Bestätigung, dass die smartmap die Positionen recht verlässlich wiedergibt.

Abb. 2: MDS-Berechnung der politischen Positionierungen © smartvote

[1]     Abgebildet werden in der smartmap die beiden stärksten Dimensionen (höchste Eigenwertanteile) der Korrespondenzanalyse.

[2]     Da bei 75 gestellten smartvote-Fragen 75 Dimensionen berechnet werden, wir es hier mit einer grossen Fallzahl und erheblicher Varianz im Antwortdatensatz zu tun haben und zudem die Resultate inhaltlich sinnvoll und gut interpretierbar sind, braucht uns der eher tief anmutende kumulierte Prozentwert der ersten beiden Dimensionen (knapp 46%) nicht zu beunruhigen.