Was steckt hinter einem Abstimmungsentscheid?

Im Rahmen der eidgenössischen Abstimmungen vom 28. Februar und vom 5. Juni 2016 hat das Institut für Politikwissenschaft der Universität Bern die Entscheidungsmotive der Wähler/-innen anhand einer neuen quasi-experimentellen Befragungsmethode analysiert. Dazu wurden jeweils die smartvote-Benutzer/-innen eingeladen, an einer Online-Umfrage teilzunehmen. Im folgenden Gastbeitrag gehen die Projektverantwortlichen auf die Hintergründe der Studie ein. Ein Link zum vollständigen Bericht findet sich am Ende des Beitrags.


Ein Gastbeitrag von: Marc Bühlmann, Clau Dermont, Marlène Gerber, Anja Heidelberger, Isabelle Stadelmann-Steffen und David Zumbach (Année Politique Suisse und Institut für Politikwissenschaft, Universität Bern).

Demokratischer Mehrheitsentscheid – Numerische Mehrheit vs. Resultat gehaltvoller Meinungsbildung

Ein Ja oder ein Nein nach einem Abstimmungswochenende stellt die Summe individueller Einzelentscheidungen dar. Dieser numerische Wert entscheidet darüber, ob eine Vorlage angenommen oder abgelehnt wird. Demokratie bedeutet allerdings mehr als simple Aggregation individueller Ja- und Nein-Stimmen. Der Mehrheitsentscheid der Stimmbevölkerung ist daher zwar ein dingfest gemachtes, aber eben nur sehr unzulängliches Gesamtbild zahlreicher individueller Meinungsbildungsprozesse.

Diese Meinungsbildung beruht in der Regel auf einem Abwägen verschiedener Vor- und Nachteile einer Vorlage, die die einzelnen Bürger/-innen mit ihren eigenen Präferenzen abgleichen. Bei nur sehr wenigen, in der Politikwissenschaft als «prädisponiert» bezeichneten Vorlagen, dürften sich die einzelnen Stimmbürger/-innen eindeutig für ein klares Ja oder ein Nein entscheiden. Viel häufiger ist es ein Abwägen, das zu einem «Ja, aber» oder einem «Nein, es sei denn» führt. Die Regel des Mehrheitsentscheides, die zu einer eindeutigen Aussage zwingt, ist indes nicht in der Lage, diese unterschiedlichen Motive und verschieden gewichteten Präferenzen und den oft komplexen Prozess der Meinungsbildung abzubilden.

Es ist aber dieses Abwägen – die unterschiedliche Gewichtung verschiedener Aspekte einer Vorlage und der Einbezug individueller Motive –, das eine Abstimmung erst zu einem eigentlichen demokratischen Akt macht. Dieser aus einer modernen demokratietheoretischen Perspektive wesentlich gehaltvollere Teil der demokratischen Entscheidung bleibt auch im Nachgang des Abstimmungswochenendes von Bedeutung: Nicht nur, aber besonders bei angenommenen Volksinitiativen ist die Interpretation des Ja-Entscheids von grosser Tragweite für die Umsetzung. Auch ein Nein leitet den Prozess der anhaltenden Lösungsfindung in neue Richtungen. Die Diskussion eines Mehrheitsentscheides (und dessen Umsetzung) gewinnt daher an Substanz, wenn über die individuellen Motive und die unterschiedlich gewichteten Aspekte einer Vorlage zumindest ansatzweise Kenntnis herrscht. Mit anderen Worten: Nicht nur ob eine Vorlage eine Mehrheit hinter sich weiss oder nicht, sondern auch welche verschiedenen Motive und Präferenzen eine Mehr- und Minderheit stützen, ist aus einer lösungsorientierten, prozeduralen Demokratieperspektive von zentraler Bedeutung.

Messen individueller Abwägungsprozesse

Hier setzt die Forschung an, die mit Hilfe von Nachbefragungen die Motivationen individueller Entscheidungen zu Tage zu fördern versucht. Dabei werden auch neuere, quasi-experimentelle Methoden verwendet. Die Befragten sollen dabei nicht einfach die individuelle Bedeutung ausgewählter Motive wiedergeben, sondern sozusagen in den Prozess des Abwägens versetzt werden. Indem Motive nicht direkt abgefragt, sondern in verschiedenen, variierenden Kombinationen verschiedener Aspekte einer Vorlage zur Auswahl präsentiert werden, wird versucht, den individuellen Entscheidungsprozess zu simulieren. Weil die Befragten zwischen verschiedenen Entscheidvarianten auswählen, kann die aggregierte Präferenzenordnung bzw. die Wichtigkeit einzelner Aspekte und die Bedeutung verschiedener Motive realistischer eruiert werden.

Ein politikwissenschaftliches Team der Universität Bern hat diese experimentelle Befragungsmethode im Rahmen der eidgenössischen Abstimmungen vom 28. Februar und vom 5. Juni getestet. An den Umfragen haben sich 1’700 (Februar) bzw. 2’500 (Juni) smartvote-Benutzer/-innen beteiligt. An dieser Stelle möchten wir uns herzlich für diese Mithilfe bedanken! Für die Abstimmungen vom 5. Juni wurden zusätzlich rund 1’000 Personen in einem repräsentativen Sample befragt. Die wichtigsten Befunde aus diesen zwei Umfragen wurden in einem Forschungsbericht festgehalten, der am Ende dieses Beitrags abrufbar ist.

Hinsichtlich der neu verwendeten Befragungsinstrumente zieht das Forscherteam ein positives Fazit. Die experimentelle Methode eignet sich gut, um die Bedeutung unterschiedlicher Motive und Aspekte in ihrer Komplexität zu erfassen. Sollte es mit experimentellen Methoden gelingen, den individuellen Prozess des Abwägens verschiedener Aspekte, Präferenzen und Motive adäquater abzubilden und zu messen, dann können Nachbefragungen an politischer Bedeutung gewinnen. Zusätzlich könnte sich dadurch der Demokratiegehalt von Entscheidungsprozessen im Nachgang von Abstimmungen erhöhen.

Download des Berichts:
Entscheidmotive in den Abstimmungen vom 28. Februar und vom 5. Juni 2016

Dokumente für die Bieler Schulen / Documents pour les écoles de Bienne

smartvote-Lernmodul | Introduction pour le corps enseignant

Wahllexikon | Lexique_électoral

BDP_Porträt | PBD_Portrait

CVP_Porträt | PDC_Portrait

EVP_Porträt | PEV_Portrait

FDP_Porträt | PLR_Portrait

GLP_Porträt | Vert’libéraux_Portrait

Grüne_Porträt | Verts_Portrait

SP_Porträt | PS_Portrait

SVP_Porträt | UDC_Portrait

smartspider_Zeichnungsvorlage | smartspider_modèle

 

 

 

 

So tickt das neue Luzerner Stadtparlament

Die Wahl in das Luzerner Stadtparlament (Grosser Stadtrat) vom vergangenen 1. Mai bracht eine Premiere mit sich: Erstmals bei einer Parlamentswahl verfügen alle Gewählten über ein smartvote-Profil! Die folgende Aufstellung zum neu gewählten Luzerner Stadtparlament basiert somit auf einer Vollerhebung aller 48 neu gewählten Grossstadträte. Dargestellt werden die zu erwartenden Stimmenverhältnisse zu 30 der insgesamt 41 smartvote-Fragen:

Klare Verhältnisse in den Bereichen Soziales, Familie, Bildung

Das neue Parlament befürwortet recht klar einen Ausbau von familienergänzenden Betreuungsstrukturen sowie verstärkte Anstrengungen zur Umsetzung der vom Volk angenommenen Wohnraum-Initiative. Keine Chance haben demgegenüber Einschränkungen bei der Sozialhilfe wie auch Sparmassnahmen bei der städtischen Kulturförderung. Im Bildungsbereich wendet sich das Parlament ebenfalls klar gegen das Ansinnen, auf der Primarstufe nur noch eine Fremdsprache zu lehren. Doch nicht alle linken Anliegen stossen auf Zustimmung, wie die ablehnende Haltung gegenüber einer Frauenquote in der Stadtverwaltung zeigt.

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Ausländer und Migration: Liberale Haltung mit einer Überraschung

Das Luzerner Parlament würde das Ausländerstimmrecht auf Gemeindeebene gutheissen, wendet sich gegen eine Verschärfung der Asylpraxis und wünscht sich ein grösseres Engagement für die Integration von Ausländer/innen. Eher überraschend in diesem Umfeld ist es daher, dass die Hälfte der Luzerner Stadtparlamentarier/innen sich bei Einbürgerungen höhere Hürden bezüglich Sprachkenntnisse und gesellschaftliche Integration wünscht.

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Bereich Sicherheit: Härteres Vorgehen bei Sachbeschädigungen

Während sowohl eine erhöhte sichtbare Polizeipräsenz als auch zusätzliche Massnahmen zur Eindämmung der negativen Folgen des Luzerner Nachtlebens abgelehnt werden, findet die Forderung nach einem härteren Vorgehen gegen Vandalismus und Sprayereien im neuen Stadtparlament eine Mehrheit.

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Knappe Ausgangslage in der Steuer- und Finanzpolitik

Die Bereiche Steuern, Finanzen und Wirtschaft beinhalten einige knappe Resultate. Zwar befürwortet auch der neu zusammengesetzte Grosse Stadtrat das Budget 2016 in der vom Volk beschlossenen Fassung. Der kantonale Entscheid von 2015, mit dem die Liegenschaftssteuer abgeschafft wurde, wird jedoch grossmehrheitlich als falsch taxiert. Zur Verbesserung der finanziellen Situation der Stadt sind weder zusätzliche ausgabenseitige (nur ganz knappe Ablehnung einer städtischen Schuldenbremse) als auch neue einnahmenseitige Massnahmen (unentschiedene Haltung gegenüber höheren Steuern für Reiche) ausgeschlossen. Auch spricht sich eine Mehrheit dafür aus, dass die Stadt keine Dienstleistungen erbringen soll, welche eine Konkurrenz zu privaten Angeboten darstellen. Weniger liberal ist hingegen die Haltung, wenn es um die Bevorzugung lokaler Anbieter bei öffentlichen Aufträgen geht.

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Verkehrs- und Energiepolitik mit grüner Note

Die Verkehrspolitik des neuen Luzerner Stadtparlaments weist eine deutlich grüne Note auf. Die Massnahmen, welche den Langsamverkehr gegenüber dem Auto begünstigen, haben allesamt eine gute Chance im Parlament. Am knappsten fällt die Haltung in Bezug auf einen neuen Car-Parkplatz am Stadtrand aus. Am Ende dürfte entscheidend sein, wie diese Idee konkret ausgestaltet werden kann.

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Stadtentwicklung: Verdichtung und Nutzung leerstehender Gebäude

Das neue Parlament befürwortet sehr klar die Planung neuer Hochhäuser, aber auch die intensivere Nutzung leerstehender Gebäude und brachliegender Flächen findet Zustimmung. Eher knapp, aber immer noch positiv, fällt hingegen die Haltung zu neuen Fusionsverhandlungen mit den Umlandgemeinden aus.

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Transparenz bei der Finanzierung der Luzerner Politik

Die Mehrheit im neuen Luzerner Stadtparlament befürwortet die Offenlegung der Parteienfinanzierung sowie von Wahl- und Abstimmungskampagnen.

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Eine Übersicht zu allen gewählten Grossstadträt/innen findet  sich unter https://www.smartvote.ch/16_st_luzern_leg/search/candidates.

 

Das Pilotprojekt smartopinion: Die Suche nach Verständigung im Web

Zweiter Gastbeitrag von Dominik Wyss — er hat zusammen mit smartvote das Projekt “smartopinion” anlässlich der Durchsetzungsinitiative durchgeführt und ist Doktorand an der Universität Luzern mit dem Forschungsschwerpunkt Online-Deliberation.

Politische Diskussionen leisten einen wichtigen Beitrag zur gesellschaftlichen Verständigung. Unter anderem besitzen politische Diskussionen das Potenzial einem den Blick zu schärfen, welche politische Ziele mit welchen Mitteln umgesetzt werden können und sollen. Da politische Diskussionen nicht nur Positionen sondern auch die Beweggründe vermitteln, können sie zudem das Verständnis für divergierende Sichtweisen fördern. Im Hinblick auf die Konsens und Kompromissfähigkeit in einer pluralistischen Demokratie sind solche Verständigungsleistungen politischer Diskussionen immens wichtig.

Gerade im Online-Kontext darf angezweifelt werden, ob Diskussionen solche Verständigungsleistungen wirklich erbringen – zum Beispiel, weil Diskussionen dort häufig zu einer Abfolge von persönlichen Anfeindungen mutieren oder, wie im letzten Beitrag aufgezeigt, weil sie oft nur unter Gleichgesinnten stattfinden. Aus unserer Sicht ist das Verständigungspotenzial von Digitalen Medien jedoch noch lange nicht ausgeschöpft. Wir sind überzeugt, dass es möglich ist alternative Diskussionsplattformen zu etablieren, welche viel besser als konventionelle Diskussionsforen dem Verständigungsziel Rechnung tragen. Einen Prototyp hierzu möchten wir an dieser Stelle vorstellen.

Die Plattform smartopinion
smartopinion ist eine Diskussionsplattform, die an der Universität Luzern eigens für die Durchführung von politischen Diskussionen entwickelt wurde. In enger Verwandtschaft mit Wikipedia ist smartopinion bestrebt das Wissen, die Perspektiven, Ideen und Interpretationen möglichst vieler Personen zu sammeln und von anderen Teilnehmern ergänzen, weiterdenken und kritisieren zu lassen. Damit dies auch bei einer grossen Anzahl von Teilnehmern funktioniert, folgt smartopinion dem Prinzip eines Argumentbaums. Eine solche Diskussion ist hierarchisch strukturiert, beginnend bei den zentralen Aspekten und verästelt sich dann bis hin zu kleinen Detailaspekten eines Themas. Durch die feine Gliederung in unzählige Meinungen, Fragen, Antworten, Argumente und Gegenargumente kann sich eine grosse Anzahl Teilnehmer simultan an der Diskussion beteiligen, ohne dass die Diskussion chaotisch wird.

Aus unserer Sicht sind politische Diskussionen nur dann spannend und lehrreich, wenn die eingegebenen Beiträge von Andersdenkenden gelesen, reflektiert und kommentiert werden, also eine Interaktion zwischen verschiedenen Sichtweisen zu Stande kommt. Hierzu ist bei smartopinion eine virtuelle Moderatorin namens «Sophie» zuständig. Sophie motiviert die Besucher eine breite Auswahl an Beiträgen zu lesen, zu bewerten, sowie dazu Stellung zu nehmen. Diametral zu den Algorithmen in den Sozialen Medien bringt Sophie nicht Gleichgesinnte, sondern Andersdenkende dazu miteinander zu interagieren. So soll Sophie Interaktion und Verständigung fördern. Ob diese hohen Erwartungen in der Praxis einzulösen sind, prüften wir im Pilotprojekt im Kontext der Durchsetzungsinitiative.

Ausschnitt aus der smartopinion-Diskussion

Darstellung 1 zeigt einen Ausschnitt aus der öffentlichen smartopinion-Diskussion zur Durchsetzungsinitiative. Sophie – die virtuelle Moderatorin – verlangt darin eine abgegebene Bewertung zu begründen. Begründungen sind ein zentrales Element in der Verständigungsfunktion von politischen Diskussionen.

Das Pilotprojekt – Die Diskussion zur Durchsetzungsinitiative (DSI)
In der turbulenten Endphase des Abstimmungskampfes luden wir per smartvote-Newsletter zur Pilotdiskussion über die Durchsetzungsinitiative ein. Die 585 Teilnehmer, welche der smartopinion-Einladung folgten, engagierten sich äusserst konstruktiv. 62 Teilnehmer versicherten uns nachträglich per Fragebogen, dass sie die Diskussion als überdurchschnittlich respektvoll (68%), sachlich (67%) und lehrreich (62%) empfanden. Bei nur gerade 10% bis 15% der Befragten waren die Antworten negativ. Diese erfreuliche Beurteilung deckt sich mit der Wahrnehmung unserer vier Moderatoren, welche die Online-Diskussion betreuten.

Das hohe Diskussionsniveau auf smartopinion ist keine Selbstverständlichkeit. Uns war bewusst, dass die Durchsetzungsinitiative auf anderen Online-Plattformen höchst emotional diskutiert wurde. Online-Redaktionen mussten häufig Kommentare löschen, weil diese jeglichen Anstand vermissen liessen oder gar gegen geltendes Recht verstiessen. Was unser Härtetest mit einem solch konfliktiven Thema eindrücklich zeigte, smartopinion ist kein attraktiver Ort für Trolle.

Es gibt eine Reihe von Erklärungsansätzen, warum sich smartopinion auch für sehr emotionale Diskussionsthemen eignet. Im Unterschied zu den Foren der Online-Zeitungen werden die Teilnehmer bei smartopinion nicht vorgängig durch die Lektüre eines Zeitungsartikels emotionalisiert. Gemäss unserem Grundsatz, den Fokus auf den Diskussionsinhalt (und nicht auf die Teilnehmenden) zu legen, stehen im anonymen smartopinion auch kaum persönliche Profilierungsmöglichkeiten zur Verfügung. Auch das angewandte Argumentbaum-Prinzip trug zur Versachlichung bei, weil es von den Teilnehmern verlangte ihre Beiträge thematisch eng zu fassen und jeweils einen inhaltlichen Mehrwert einzubringen. Einen abkühlenden Effekt hatten wohl auch unsere Moderatoren. Mit dem Ziel die Diskussion kohärent zu halten, durften die Moderatoren die Beiträge der Teilnehmer weiterverarbeiten, kürzen, zusammenfügen oder verschieben. Dies jedoch stets mit dem Ziel den zentralen Gedanken der Beiträge bestmöglich in den Argumentbaum einzuordnen. Bei einer Handvoll Beiträgen entschärften die Moderatoren persönliche Angriffe oder unsachliche Formulierungen. Das Löschen von ganzen Beiträge war nicht erforderlich.

Dass die Diskussion sachlich und respektvoll verlief und dennoch zahlreiche politische Sichtweisen mit einbezog, kann der folgenden Analyse der geposteten Beiträge entnommen werden. Mit sehr ähnlicher Methode, wie sie im letzten Blogbeitrag zur Anwendung kam, können die Beiträge bei smartopinion in einem Pro-Kontra Kontinuum eingeordnet werden. Die Beiträge am rechten und linken Rand sind exklusiv bei den überzeugtesten Befürwortern, respektive überzeugtesten Gegnern der Initiative auf Anklang gestossen. Je mehr im Zentrum des Kontinuums sich ein Beitrag befindet, desto breiter war das zustimmende Teilnehmerfeld.

Darstellung 2: Jeder Punkt entspricht einem geposteten Beitrag. Die Position der Punkte visualisiert die Inklusivität der Beiträge (horizontal) sowie die durchschnittliche Bewertung auf einer Skala von -2 bis +2 (vertikal). Methode: Principal Coordinates Analyse (PCoA); Aus Konfidenzgründen wurden nur die 130 Beiträge einbezogen, welche von mindestens 5 Usern bewertet wurden.

Darstellung 2 offenbart, dass auch bei smartopinion die Durchsetzungsinitiative stark polarisierte, so dass sich eine deutliche Lücke zwischen den Pro (rechte Seite) und Kontra (linke Seite) Lagern bildete. Die Kontra-Beiträge sind im Durchschnitt besser bewertet (vertikale Skala), was auf eine Ungleichverteilung bei den Teilnehmenden hindeutet. In der Tat war die Pro-Seite zahlenmässig weit unterlegen. Das Ungleichgewicht wirkte sich jedoch nicht auf die Anzahl Beiträge aus. Offensichtlich kompensierte das Pro-Lager ihre Unterzahl mit höherer Beitragsaktivität. Erstaunlicherweise zeigt die Grafik, dass auch Beiträge der Pro-Minderheit eine sehr hohe Bewertung erzielen können, ja gar die höchsten Zustimmungswerte überhaupt erzielten (Beiträge A und B in Darstellung 2). Es folgt jeweils ein Ausschnitt aus diesen beiden Beiträgen.

  • Beitrag A) «Was es braucht ist mehr Integrationszwang und weniger Integrationsmassnahmen: Man darf von Ausländern erwarten und soll das auch klar fordern und durchsetzen, dass sie sich integrieren. Kurse usw. sind ja ok, aber daneben soll auch ein gewisses Mass an Zwang ausgeübt werden. »
  • Beitrag B) «Die Ausschaffungsinitiative wurde massig angenommen und hätte vom Parlament strikt und ohne Abweichungen umgesetzt werden müssen. Allfällige Verstösse gegen geltendes Recht, EMRK, Bilaterale, usw. waren schon vor der Abstimmung bekannt, wurden vom Volk bewusst in Kauf genommen und hätten deshalb auch vom Parlament akzeptiert werden sollen.»

Die hohe Bewertung dieser beiden Beiträge zeigt, dass die Kontra-Mehrheit dem Anliegen der Pro-Minderheit durchaus eine gewisse Legitimität zugestand. Auch Gegner der Initiative stimmten zu, dass die politische Elite bei der Umsetzung der Ausschaffungsinitiative nicht ganz aufrichtig war und es zudem unterliess die Ausländerkriminalität mit alternative Modellen – etwa Integrationszwang – ernsthaft anzugehen. Dass man bei einem solch konfliktiven Thema den gegnerischen Argumenten Respekt zollt uns sie nicht dogmatisch ablehnt, kann als starkes Signal für das Verständigungspotenzial von smartopinion interpretiert werden. Insgesamt stimmt dieses Pilotprojekt zuversichtlich, dass eine innovative und unabhängige Diskussionsplattform wie smartopinion sehr wohl einen demokratischen Mehrwert bieten dürfte.

Eine Analyse des Online-Diskurses zur Durchsetzungsinitiative

Gastbeitrag von Dominik Wyss — er hat zusammen mit smartvote das Projekt “smartopinion” anlässlich der Durchsetzungsinitiative durchgeführt und ist Doktorand an der Universität Luzern mit dem Forschungsschwerpunkt Online-Deliberation.

Die meisten Beobachter sind sich einig: Der überaus intensive Online-Diskurs im Vorfeld der Abstimmung zur Durchsetzungsinitiative (DSI) verlief höchst einseitig. Insbesondere auf Facebook und Twitter überwogen die DSI-kritischen Äusserungen, so dass der Verdacht aufkam, die Sozialen Medien hätten die Initiative zu Fall gebracht. In diesem Beitrag interessiert uns, ob dieser Verdacht tatsächlich zutreffen könnte.

Mobilisierung oder Verständigung
Es sind prinzipiell zwei Mechanismen denkbar mit welchen die Sozialen Medien den eindrücklichen Umschwung in der öffentlichen Meinung herbeiführten[1]. Der erste Mechanismus ist die Mobilisierung. Viele Beiträge in den Sozialen Medien implizierten, dass am 28. Februar nicht weniger auf dem Spiel stand als der Schweizer Rechtsstaat. Unter dem Eindruck einer drohenden rechtsstaatlichen Zäsur liessen sich wohl einige «stimmfaule» Gegner zum Gang an die Urne motivieren. Der zweite Mechanismus ist die inhaltliche Verständigung. In den Sozialen Medien wurden Bilder, Videos und Texte verbreitet, welche sehr oft zentrale Argumente der Abstimmungsgegner beinhalteten. Die grosse Reichweite dieser Inhalte sowie die persönliche Kommunikationsweise könnte zahlreiche Unentschlossene oder gar Befürworter von den Nachteilen der Initiative überzeugt und zur Meinungsänderung motiviert haben.

In der wissenschaftlichen Literatur wird das Verständigungspotenzial der Sozialen Medien eher pessimistisch eingestuft. Allem voran wird angeführt, dass Online-Diskussionen sehr oft exklusiv unter Gleichgesinnten stattfinden[2]. Das Sprichwort, gleich und gleich gesellt sich gern, besitzt in den Sozialen Medien hohe Relevanz und wird von den Plattformbetreibern mit spezifischen Filter-Algorithmen gekonnt ausgenutzt. So werden auf vielen Plattformen die Beiträge von befreundeten Usern an privilegierter Stelle präsentiert, während die Beiträge von Fremden ungelesen bleiben. Zudem zeigen Studien, dass viele User die Sozialen Medien in erster Linie verwenden um den eigenen Emotionen Luft zu verschaffen oder um die soziale Stellung im Kreis der Follower zu stärken[3]. Es ist fraglich wie gross die Verständigungsleistung von Kommunikation ist, wenn sie sich insbesondere gegen innen (sich und die Follower) und nicht gegen aussen (Andersgesinnte) richtet.

Wie inklusiv waren die Sozialen Medien?
Gemäss diesen Überlegungen ist zu vermuten, dass die Sozialen Medien nicht allzu viel zur gesellschaftlichen Verständigung beitrugen, sondern vor allem durch einen Mobilisierungseffekt obsiegten. Ob dies zutrifft ist auch im Zeitalter von Big Data und modernen Analysemethoden nicht abschliessend festzustellen. Mit einer innovativen Methode kann jedoch modelliert werden, ob der Diskurs in den Sozialen Medien eher in exklusiven (unter Gleichgesinnten) oder inklusiven (Ideologie-übergreifenden) Medien stattgefunden hat. Dies ist ein vielversprechender Schritt, um das Verständigungspotential der Sozialen Medien auszuloten.

Grundlage der Analyse sind über 35’000 Hyperlinks, welche im Februar auf Twitter im Zusammenhang mit der Durchsetzungsinitiative gepostet wurden. Mittels einer principal coordinates analysis (PCoA) extrahierten wir aus den Hyperlinkdaten ein Zustimmungskontinuum zur Durchsetzungsinitiative auf dem alle verlinkten Online-Medien angeordnet sind. Im untenstehenden Diagramm ist ersichtlich, dass die Kampagnenseiten von «Operation-Libero» und dem «Dringenden Aufruf» sowie auf der anderen Seite die SVP-Webseite an den beiden Enden des Kontinuums angesiedelt sind. Das bedeutet, dass diese drei Webseiten vor allem von Twitter-Usern verbreitet wurden, welche auch sonst nur klar positionierte Online-Präsenzen verlinkten. Im mittleren Bereich befinden sich hingegen die Online-Präsenzen, welche von einer breiten, Ideologie-übergreifenden Leserschaft gelesen und verlinkt wurden, wie etwa das Gfs-Bern, easyvote.ch oder das Schweizer Radio und Fernsehen. Dieses Kontinuum stellt daher nichts Anderes dar als eine vielversprechende Annäherung an die Inklusivität der Online-Medien in der DSI-Berichterstattung im Februar.

Inklusivität der Online-Medien im DSI-Diskurs

Das dargestellte Kontinuum zeigt die Inklusivität der Online-Medien im Diskurs zur Durchsetzungsinitiative im Februar. Je zentraler sich ein Medium befindet, desto eher wurde es von Initiativbefürwortern und -gegnern gemeinsam gelesen und verlinkt. Die Schriftgrösse entspricht der Popularität auf Twitter. Methode: Principal coordinates analysis (PCoA). Aus Konfidenzgründen wurden nur die 85 Online-Präsenzen einbezogen, welche von mindestens zehn verschiedenen Twitter-Usern verlinkt wurden.

Im unteren Teil des Diagramms offenbart sich, dass die Berichterstattung der klassischen Medien (Printpresse, Radio- und Fernsehanstalten) nicht nur bei den Gegnern der Initiative Anklang fand, sondern bis tief ins Lager der Befürworter hinein gefiel. Die unipolare und zentrierte Verteilung der klassischen Medien deutet darauf hin, dass sie ein beträchtliches Potential besitzen verschiedene politische Perspektiven an einen «Tisch» zu bringen um einen ausgeglichenen und inklusiven Diskurs zu bewerkstelligen.

Im oberen Teil des Diagramms sind die Online-Präsenzen abgetragen, welche als «Alternative Medien» kategorisiert wurden. In dieser Kategorie befinden sich insbesondere die Sozialen Medien, Online-Zeitungen und andere Webseiten, welche im DSI-Diskurs beachtet wurden aber nicht den klassischen Medien zuzuordnen sind. Das Diagramm impliziert, dass hier die überwiegende Mehrheit exklusiv im Nein-Lager Anklang fand und dabei Unentschlossene und Befürworter aussen vor liess. Diese Momentaufnahme – bei all ihren Vorbehalten – nährt den Verdacht, dass die Königsdisziplin der Sozialen Medien die Mobilisierung und nicht die Verständigung ist, weil sie in erster Linie eine Plattform bieten für bereits überzeugte Gleichgesinnte.

Besteht Handlungsbedarf?
Zweifelsohne ist die Mobilisierungsfähigkeit für jede Demokratie von grosser Bedeutung. Durch sie können Missstände ins Augenmerk einer breiten Öffentlichkeit gebracht oder bei bisher Desinteressierten ein politisches Bewusstsein geweckt werden. Dennoch ist der Einwand ernst zu nehmen, dass die Sozialen Medien die Politik wohl emotionaler und daher «chaotischer» machen, weil die Nachhaltigkeit und Rationalität der Entscheidungen auf der Strecke bleiben. Im Extremfall entscheiden nicht die besten Argumente, sondern, wer es schafft mit Schreckensszenarien oder aufwühlenden Einzelfallberichten die stärksten Emotionen zu schüren um eine hohe Zahl von Gleichgesinnten zu mobilisieren. Es sei daher auf jeden Fall empfohlen die Wirkung und Entwicklung der Sozialen Medien zu beobachten und gleichzeitig zu versuchen die Palette von politischen Online-Angeboten zu erweitern, damit nicht nur deren Mobilisierungspotential, sondern auch deren Verständigungspotential besser ausgeschöpft werden kann. Letzteres versuchten wir im Februar im Pilotprojekt smartopinion, welches wir demnächst an dieser Stelle vorstellen werden. 

[1] Milic Thomas (2016): «Wie viel Wandel steckt im Meinungswandel?», http://www.politan.ch/wie-viel-wandel-steckt-im-meinungswandel, 7. März 2016
[2] Ein populärer Skeptiker der Verständigungsleistung von Sozialen Medien ist Cass Sunstein (2002, 2007)
[3] Ekdale Brian et al (2010): “Why blog? (then and now): exploring the motivations for blogging by popular American political bloggers”, New Media & Society

Appendix: Die oben visualisierten Daten können hier als Tabelle heruntergeladen werden.